Opposition in Iran : Die Gefangenen des Mullah-Regimes

Was sie taten war beispielhaft mutig: Sechs Oppositionelle forderten das Regime in Iran heraus. Sie wurden verhaftet und an unbekannten Orten weggesperrt

Philip Faigle[Hauke Friederichs],Solmaz Khorsand

Das iranische Regime hat hart gegen die Oppositionsbewegung durchgegriffen: Organisatoren von Protestmärschen, einfache Demonstranten, Berichterstatter, Blogger und Menschenrechtsaktivisten wurden von der Polizei und den Geheimdiensten festgenommen und in die berüchtigten Gefängnisse verschleppt. Organisationen wie Amnesty International, Human Rights Watch und Reporter ohne Grenzen sammeln Informationen über die Inhaftierten. Es gibt Berichte über Folter und Misshandlungen im Evin-Gefängnis, im Norden von Teheran. In dieser Strafanstalt, die als der schlimmste Ort in Iran bezeichnet wird, sollen die meisten Festgenommenen eingesperrt sein. Dort würden sie von Mitarbeitern des Innenministeriums unter Druck gesetzt: Sie sollen vor laufender Kamera ein Geständnis über ihre "Beteiligung an einer samtenen Revolution" ablegen, berichtet Reporter ohne Grenzen. ZEIT ONLINE stellt sechs der in iranischen Gefängnissen eingesperrten politischen Häftlinge vor.



Mohammad Ghoochani, 34 Jahre alt, Chefredakteur



Der Druck der Behörden wurde immer größer, doch Mohammad Ghoochani hielt ihm Stand. Der Chefredakteur der Zeitung Etemade Melli druckte in seinem liberalen Blatt Fotos von den Demonstrationen und die Namen von verhafteten Oppositionellen ab. Vor zwei Wochen  traf es Mohammad Ghoochani dann selbst. Um zwei Uhr morgens standen plötzlich Beamte vor seiner Haustür und verhafteten den 34-Jährigen.

Ghoochani gilt als Ikone des iranischen Journalismus. Ein scharfer Analytiker, der in seinen bisherigen Publikationen viel riskierte, ohne die rote Linie zu überschreiten. Doch in Zeiten des Aufruhrs auf Teherans Straßen sind die Machthaber dünnhäutiger als sonst. Ghoochani ist einer von Dutzenden Journalisten, die das zu spüren bekommen haben. Nun soll er in Einzelhaft sitzen. Seine Kollegen von Etemade Melli sorgen sich um ihren Chef, der in den vergangenen Wochen immer wieder unter heftigen Magenproblemen litt. Die Zeitung, die vom gescheiterten Präsidentschaftskandidaten Mehdi Karoubi gegründet wurde, durfte in den vergangenen Tagen mehrfach nicht erscheinen. Genauso erging es der Zeitung Kalameh Sabz, die in diesem Jahr vom Präsidentschaftskandidaten Mir Hossein Mussawi gegründet wurde. 25 Mitarbeiter dieser Zeitung wurden am 22. Juni von den Sicherheitskräften verhaftet.

Ibrahim Yazdi, 78 Jahre alt, Oppositionspolitiker

Ibrahim Yazdi ist einer der Revolutionäre der 70er Jahre, die wussten, wogegen sie sich während der Revolution auflehnten – und die heute den Staat, der so entstand, bedauern und kritisieren. Yazdi war Berater von Ayatollah Ruhollah Khomeini, der im Januar 1979 mit seiner Heimkehr aus dem Exil den Sieg der islamischen Revolution und die Absetzung von Schah Reza Palevi besiegelte. Später war er Premier und Außenminister. Heute zählt er zu den Revolutionären, die sich um ihre Ideale betrogen fühlen.

Der 78-Jährige steht der illegalen Iranischen Freiheitsbewegung als Generalsekretär vor. 2005 versuchte er bei den Präsidentenwahlen anzutreten, aber er wurde von der Abstimmung ausgesperrt. Im Februar 2008 sagte Yazdi der New York Times: "Das politische System (im Iran, Anmerkung der Redaktion) ist im Grundsatz despotisch. Viele Grundrechte und Freiheiten werden durchgehend verweigert. Zudem haben sich Ziele der Revolution, die Wiederherstellung der Souveränität der Menschen, Demokratie und so weiter, noch nicht erfüllt".

Nach Angaben von Amnesty International wurde er am 17. Juni 2009 während eines Krankenhaus-Aufenthaltes in Teheran festgenommen. Zwischenzeitlich hat man ihn offenbar in die Klinik zurückgebracht, weil sich sein Gesundheitszustand verschlechtert hatte. Über seine Freilassung ist nichts bekannt.

Behzad Bashu, Journalist und Cartoonist

Bis vor kurzem betrieb der Journalist Behzad Bashu noch eine Website unter seinem Namen. Derzeit ist sie gesperrt, aus welchen Gründen ist nicht bekannt. Wie die Organisation Reporter ohne Grenzen in Paris bestätigt, wurde er am 14. Juni gemeinsam mit der Journalistin Mahssa Amrabadi in einer Wohnung in Teheran festgenommen und sitzt seitdem in Haft.

Bashu hatte vor drei Jahren die Internetplattform Journalisten für Frieden gegründet und gemeinsam mit anderen Journalisten betrieben. Diese Website informiert immer noch über die Vorgänge im Iran. Seine Festnahme ist ein weiterer Beleg dafür, dass das iranische Regime gezielt gegen Internetdissidenten vorgeht.

Reporter ohne Grenzen bezeichnet Iran "als größtes Gefängnis der Welt für Journalisten".  Mehr als 40 Blogger und Journalisten sollen derzeit wegen ihrer Arbeit in iranischen Gefängnissen eingesperrt sein. Behzad Bashu scheint ebenfalls noch nicht freigekommen zu sein. Die stets gut informierte Redaktion von Tehran Bureau führt ihn auf ihrer Liste der Verhafteten.

Jila Baniyaghoob, Frauenrechtlerin

Die Polizisten kamen in der Dunkelheit und fackelten nicht lange. In den frühen Morgenstunden des 21. Juni nahmen iranische Beamte Jila Baniyaghoob und ihren Mann Bahaman Ahamadi Amoee in deren Haus fest. Beide wurden an bislang unbekannte Orte verschleppt, teilt Reporter ohne Grenzen mit.

Jila Baniyaghoob ist eine der bekanntesten Autorinnen über Frauenrechte im Iran. Sie gibt die Webseite Canon Zeman Irani heraus. Dort veröffentlichen sie und ihre Mitstreiterinnen Artikel über die Stellung der Frau in der iranischen Gesellschaft, kritische Berichte über heimliche Prostitution und über Repressionen des Regimes gegen die Opposition.

Ihr Mann Amoee schreibt für mehrere Zeitungen, die Reformpolitikern nahe stehen. Auch Jila Baniyaghoob war für mehrere Publikationen tätig, die Präsident Ahmadineschad kritisiert hatte. Beide sollen noch inhaftiert sein.

Abdolfattah Soltani, 55 Jahre alt, Rechtsanwalt

Am Nachmittag des 16. Juni kamen Sicherheitskräfte in die Kanzlei von Abdolfattah Soltani. Die Männer in Zivilkleidung legten weder einen Haftbefehl noch eine Durchsuchungsgenehmigung vor. Dennoch durchsuchten sie das Büro von Soltani, beschlagnahmten Akten mit Informationen über Mandanten und nahmen Computer und Mobiltelefone mit.

Der Verteidiger von zahlreichen Regimegegnern und Menschenrechtsaktivisten wusste, was auf ihn zukommt: Bereits 2004 saß er im Gefängnis, weil er über die Folterung von Mandaten berichtet hatte. 2005 nahmen ihn Sicherheitsbeamte erneut fest. 219 Tage saß er im Gefängnis, 43 davon in Isolationshaft. Der Teheraner machte trotz der harten Haftzeit nach seiner Freilassung weiter.

Er arbeitet für das Zentrum für Menschenrechtsverteidiger, das die Nobelpreisträgerin Schirin Ebadi mit Mitstreitern 2002 gegründet hat. Soltani wird immer noch in einem Gefängnis festgehalten, die Gründe für seine Festnahmen seien weiterhin unbekannt, schreibt Amnesty International. Am 4. Oktober will ihm die Stadt Nürnberg ihn mit ihrem Menschenrechtspreis ehren.
 

Mohammad Ali Abtahi, 51 Jahre alt, Blogger

Im Internet ist er als "Mullah Blogger" bekannt. Mohammed Ali Abtahi war unter diesem Spitznamen als Blogger aktiv. Er kritisierte die Regierung von Ahmadineschad und unterstützte die Oppositionsbewegung. Berühmt ist er für seine Enthüllungsgeschichten aus dem Zentrum der Macht.

Das politische System in Iran kennt er aus erster Hand: Abtahi war zunächst Leiter des iranischen Rundfunks und dann Stabschef unter Präsident Chatami. Von 2001 bis 2004 war Abtahi erster stellvertretender Staatspräsident. Mit dem Amtsantritt von Ahmadineschad verlor er seine Ämter. Heute gehört er der Reformpartei "Verband der kämpfenden Geistlichen" an.

Im Wahlkampf in diesem Jahr beriet er den Reform-Kandidaten Karroubi. Die Regierung von Ahmadineschad wirft Abtahi vor, einer der Hauptorganisatoren der Proteste zu sein. Sicherheitskräfte nahmen Mohammed Ali Abtahi am 16. Juni in seiner Wohnung in Teheran fest.

Quelle: ZEIT ONLINE

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