Orbans Besuch beim Alt-Bundeskanzler : Kohl nimmt Merkel die Europäerin nicht ab

Helmut Kohl hat Deutschland zum Zahlmeister Europas gemacht - und mit allen gesprochen. Dass Angela Merkel das nicht tut, nimmt er ihr übel - ohne es zu sagen. Ein Kommentar.

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Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban (links) hat Alt-Kanzler Helmut Kohl in Oggersheim bei Ludwigshafen besucht.
Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban (links) hat Alt-Kanzler Helmut Kohl in Oggersheim bei Ludwigshafen besucht.Foto: Daniel Biskup/dpa

Semantisch gibt es nichts, das zwischen Helmut Kohl und Angela Merkel steht. Da passt kein Blatt Papier zwischen die beiden. Sie wollen nur Europas Bestes. Nur halt am Ende doch Unterschiedliches – weil sie völlig verschiedene Herangehensweisen an das Ziel einer wirklich vertieften und tragfähigen Einheit der Staaten dieses Kontinents haben.

Und damit ist nicht einmal die sogenannte Scheckbuchdiplomatie gemeint, die Kohl ein Leben lang vorgeworfen werden wird. Der Vorwurf lautet so: Immer wenn es schwierig wurde, zahlte der Bundeskanzler, in Mark damals noch. Und dass es zur Währung „Euro“ kam, war ja auch nur eine Gegenleistung für die Zustimmung zur Einheit Deutschlands. Oder wie Kohl sagt: die europäische Seite der Medaille deutsche Einheit.

Aber wie auch immer, Deutschland war eben – gottlob – nicht Zuchtmeister, sondern Zahlmeister. Obwohl: war? Hier treffen sich die politischen Linien Kohls und Merkels dann doch einmal. Deutschland zahlt – im Fall Griechenlands wegen der europäischen Finanzkrise, und im Fall Türkei zur Lösung der Flüchtlingskrise. Anteilig sowieso am meisten, und wenn es sein muss, auch allein mehr.

Das wird übrigens so sein, wenn die Türkei nach dem Fall Böhmermann auf die Idee verfällt, dass die drei Milliarden Euro für die Flüchtlinge hinten und vorn nicht reichen; und wenn Griechenland, immerhin höchst mühselig vor dem Bankrott gerettet, nicht mehr weiß, wie es die mehr als 46.000 Menschen in seinem Land menschenwürdig versorgen soll. Da zu sparen, wäre ja auch Unsinn. Den hätte Kohl auch nicht zugelassen.

Helmut Kohl nimmt Angela Merkel die Europäerin nicht ab

Nur der Weg wäre ein ganz anderer gewesen, unabhängig davon, dass es bei einem Kanzler Kohl vielleicht gar nicht so weit gekommen wäre. Doch das ist Spekulation. Keine ist, dass Kohl kaum verhüllt Merkel die europäische Denkungsweise abspricht; dass er ihr nicht abnimmt, wirklich eine überzeugte, in der Wolle gefärbte Europäerin zu sein, oder jedenfalls geworden zu sein. Bei allen Fehlern, die Kohl gemacht hat: Europäer war er immer. Überhaupt, kein Kanzler war mehr Europäer. Das mag im Inland bestritten werden, im Ausland nicht. Deswegen ist Kohl Ehrenbürger Europas.

Der Schlüsselsatz, der den Unterschied bloßlegt, der die Friktion begründet, ist der, in dem der Alt- und Rekordkanzler sich massiv wie einst gegen einsame Entscheidungen zulasten Europas wendet. Genau darum geht es ihm, und da hat Kohl einen Punkt. Denn sowohl in der Finanz- als auch in der Flüchtlingskrise hat Merkel einsam entschieden, für sich, für Deutschland und für Europa in einem. Die Partner konnten nur zusehen und folgen, siehe Finanzkrise, oder eben nicht, wie jetzt in der Flüchtlingskrise.

Sein europäischer Gedanke ist: Gemeinsamkeit

Hier geht es tatsächlich an die Existenz: an die des europäischen Gedankens. Denn abgesehen davon, dass es geboten war, so zu handeln, humanitär und anderswie – die Kanzlerin hat die Partner nicht erst konsultiert, sondern gleich mit den Folgen ihrer Entscheidung konfrontiert. Kein Wunder, dass sich vor allem die kleineren Staaten in der Europäischen Union als Partner gering geschätzt fühlen. Von den inländischen Unionspartnern zu schweigen. Das, kann man schon sagen, wäre Helmut Kohl nicht passiert. Und das macht er ihr jetzt deutlich.

Man kann sich schon vorstellen, dass Kohl denkt: Die macht mir mein Europa kaputt. Er muss es nicht mal sagen. Er musste sich nur mit Viktor Orban treffen.

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