Politik : Organisation ist der halbe Widerstand

Wie sich Demonstranten und Gemeinden auf den Widerstand gegen den G-8-Gipfel vorbereiten

Andreas Frost[Rostock]

Monty Schädel hat sich die „100 000“ vor knapp einem Jahr ausgedacht. Als er eines Nachts Ende Mai 2006 den Antrag ausfüllte, um eine Großdemonstration gegen den G-8-Gipfel in Heiligendamm bei der Stadt Rostock anzumelden, musste er die Zahl der zu erwartenden Teilnehmer eintragen. In der Abwägung zwischen Hoffnung und Realität kam jene sechsstellige Zahl heraus, die ihm nun viel Arbeit macht. Der Bundesgeschäftsführer der Deutschen Friedensgesellschaft (DFG) ist regionaler Koordinator für die Proteste, Demonstrationen und Veranstaltungen, die Anfang Juni parallel zum G-8-Gipfel in der Region stattfinden sollen. „Wir wollen ein angenehmes Klima für den Protest schaffen und zeigen, dass Mecklenburg-Vorpommern mehr zu bieten hat als schöne Landschaften und Rechtsradikale – sondern auch demokratischen Widerstand“, sagt Schädel.

Einige organisatorische Schwierigkeiten hat er 45 Tage vor dem Tag X noch nicht gelöst: Den Globalisierungskritikern fehlen immer noch „Camps“, in denen sie ihre Zelte aufschlagen können. Schädel glaubt, dass bis zu 25 000 Demonstranten bis zu einer Woche in der Region bleiben wollen. Bislang sind nur zwei Areale mit 10 000 Plätzen gebucht – im Fischereihafen Rostock und in einem fast leeren Gewerbegebiet in Reddelich, neun Kilometer südwestlich von Heiligendamm. Ein drittes Gelände von einem DGB-nahen Veranstalter in Bützow liege „viel zu weit weg vom Geschehen“. Schädel wirft Polizei und Kommunen vor, Camps in der Nähe Heiligendamms verhindern zu wollen. Zwar werde Unterstützung zugesichert, dann aber die Verantwortung wieder abgeschoben. Auch der „Alternativ-Gipfel“, auf dem Globalisierungskritiker in 100 Workshops ihre Vorstellungen einer Weltordnung diskutieren wollen, stößt in Rostock auf Vorbehalte: „Die Universität verweigert uns wegen angeblicher Sicherheitsbedenken Säle. Zum Glück helfen die Kirchen mit Gemeinderäumen“, sagt Schädel.

Wenn seine nächtliche Eingebung der 100 000 wahr werden sollte, „dann kommen am 2. Juni bis zu 1000 Reisebusse nach Rostock. Das sei für die Hansestadt ein logistisches Problem: Wo sie die Demonstranten ausladen, wo sie parken und ihre Fahrgäste nach der Demonstration wieder einsammeln, sei nicht gelöst.

Schädels Rostocker Mitstreiter kommen aus Gewerkschaften, Kirchen, Jugendverbänden der Parteien und vielerlei Gruppen des linken Spektrums. Sie beschränken sich aufs Organisieren. Über inhaltliche Facetten des Anti-G-8-Protestes zu diskutieren, so Schädel, hätte die Gruppe wahrscheinlich längst gesprengt.

Am Wochenende übten die ersten 200 Demonstranten Sitz- und Straßenblockaden am 13 Kilometer langen Zaun, den die Polizei um Heiligendamm hat errichten lassen. Noch lächelten die Beamten über die drei als riesige Bolzenschneider kostümierten Aktivisten.

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