Organskandal : Spendebereitschaft sinkt

Der Transplantationsskandal hat offenbar direkte Auswirkungen auf die Spendebereitschaft in Deutschland. Immer mehr Angehörige lehnen nach einem Sterbefall eine Entnahme der Organe ab - und verweisen auf die Vorfälle in Göttingen.

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Vor die Wahl gestellt entscheiden sich die Angehörigen von Verstorbenen doch eher gegen eine Organspende.
Vor die Wahl gestellt entscheiden sich die Angehörigen von Verstorbenen doch eher gegen eine Organspende.Foto: dpa

Bis zum Donnerstagabend hätten fünf Angehörige eine Organentnahme mit Verweis auf die Vorgänge an der Universitätsklinik Göttingen abgelehnt, sagte Ulrike Wirges dem Tagesspiegel. Die geschäftsführende Ärztin bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) befürchtet, dass künftig weitere Personen von Spenden absehen. In allen bisherigen Fällen lag weder ein Spenderausweis noch eine entsprechende Aussage der Verstorbenen zum Vorgehen nach dem Tode vor.

Nachdem bekannt geworden war, dass zwischen 2004 und 2006 auch in Regensburg Krankendaten in mutmaßlich 23 Fällen manipuliert wurden, fordern die Politiker nun Konsequenzen. „Es reicht nicht aus, die Geschehnisse in Göttingen und Regensburg als bedauerliche Einzelfälle abzutun. Die Bundesregierung muss endlich ihre Verantwortung wahrnehmen“, sagten Elisabeth Scharfenberg und Harald Terpe von den Grünen. Sie verlangen eine Sondersitzung des Gesundheitsausschusses des Bundestages.

Mitglieder der Koalition halten diesen Vorstoß für übertrieben. Zunächst sollten die Vorgänge genau aufgearbeitet und überprüft werden. „Der zweite Schritt könnte eine gesetzliche Neuregelung oder eine neue Organisationsform sein“, sagte der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Jens Spahn (CDU). „Auf jeden Fall ist es die letzte Bewährungsprobe für die DSO und die Ärztekammern, mit diesem sensiblen Thema endlich angemessen umzugehen.“

Video: Organspende-Skandal: Staatsanwalt ermittelt

Im Göttinger Uni-Klinikum fälschte ein Oberarzt in den Jahren 2010 und 2011 offenbar gegen Geldzahlungen Krankendaten, damit Patienten in der Warteliste für Spenderorgane nach oben rutschen. Der Mediziner hatte zuvor am Regensburger Klinikum gearbeitet und war dort ebenfalls für Transplantationen zuständig gewesen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, der Direktor der chirurgischen Klinik in Regensburg ist inzwischen wie zwei Ärzte aus Göttingen beurlaubt worden.

„Den Untersuchungen der Staatsanwaltschaft sollten wir nicht vorgreifen. Dennoch muss das gesamte Transplantationssystem reformiert werden“, sagte Karl Lauterbach, der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, dem Tagesspiegel. Es könne nicht sein, dass die Einkünfte der Ärzte und Abteilungsleiter so sehr von ihren im Klinikum vorgenommenen Organverpflanzungen abhängen. Zudem seien unabhängige Kontrollen künftig unerlässlich. „Die Ausmaße des Skandals hätte ich für unvorstellbar gehalten. Und natürlich ist der Vertrauensverlust in der Bevölkerung nun ein wichtiges Faktum“, sagte Lauterbach.

Ähnlich sieht es Ulrike Wirges von der DSO, die Transplantationen in Deutschland koordiniert. Schließlich beträfe es pro Spender mehr als ein Organ, mit dem das Leben anderer gerettet werden könnte. Im Juni wurden nach Angaben der DSO deutschlandweit 100 Fälle von Organspenden verzeichnet, im Mai 94, im April 87. Erst am Mittwoch war eine Gesetzesänderung in Kraft getreten, wonach alle Bürger künftig nach ihrer Organspendebereitschaft gefragt werden. Zwei Tage später ist die Verunsicherung in der Bevölkerung offenbar groß. Wirges sagte: „Ich bete dafür, dass der aktuelle Skandal keine extremen Auswirkungen auf die Spendebereitschaft hat.“

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