Organstransplantation : Die Zweifel am System wachsen

Es geht ums Überleben. 12 000 Menschen in Deutschland warten derzeit auf ein Spenderorgan. Aber nur ein Drittel hat 2011 ein Transplantat erhalten. Wer kommt als Erster dran? Wer entscheidet das? Und kann es dabei überhaupt gerecht zugehen?

von und
Das Riesengeschenk. Im April hat Cornelius Förster eine neue Lunge bekommen. Noch heute empfindet er das „als ein Wunder“.
Das Riesengeschenk. Im April hat Cornelius Förster eine neue Lunge bekommen. Noch heute empfindet er das „als ein Wunder“.Foto: Georg Moritz

Das Gipfelkreuz, 3168 Höhenmeter. Dort stand er vor drei Jahren, auf dem Hohen Riffler in den österreichischen Ostalpen. Anstrengend war es, aber  das Atmen fiel Cornelius Förster nicht schwer. Noch drohte er nicht zu ersticken.

Am Mittwoch dieser Woche sitzt derselbe Mann auf seinem Krankenbett, eine Sauerstoffmaske in der Hand, und weiß, wie es ist, keine Luft mehr zu kriegen, obwohl die Lungen pumpen wie verrückt. „Ich hatte den Tod vor Augen“, sagt der 31-Jährige.

Der schmale Mann, 55 Kilogramm, 1,80 Meter groß, ist an Infusionen angeschlossen, auf dem Nachttisch steht ein Beatmungsgerät, das er nur noch nachts braucht. Cornelius Förster schaut aus dem Fenster. Heute könne er sich das nicht mehr vorstellen, wie es vorher war, das sich zuschnürende Leben, das er führte. Bis er im April das „Riesengeschenk, das Wunder“, wie er sagt, erhielt: eine neue Lunge.

Cornelius Förster hat Mukoviszidose, eine angeborene Stoffwechselerkrankung. Sie verschlimmerte sich plötzlich, der körperliche Verfall erfolgte rasant. Eben der Alpengipfel, dann nur noch Atemnot. Bei dieser Krankheit, auch cystische Fibrose genannt, sind Kanäle der schleimbildenden Drüsen gestört. Dieser Schleim, den der Körper zur Reinigung und als Schutzfilm braucht, ist zu zäh, kann nicht abfließen und verstopft systematisch die Organe: Lunge, Leber, Bauchspeicheldrüse und Darm. Typisch für Mukoviszidose-Kranke sind chronische Lungenentzündungen.

Bis vor vier Jahren führte Cornelius Förster ein fast normales Leben. Er arbeitete als Bürokaufmann, traf sich mit Freunden, hatte eine eigene Wohnung. Und man würde es gar nicht erwähnen, wenn das alles heute immer noch so wäre. Es begann damit, dass die Blutwerte schlechter wurden und er immer öfter zusätzlich Sauerstoff brauchte, zunächst nur nachts, dann auch tagsüber. Er musste seine Arbeit aufgeben und war auf die Hilfe von Familie und Freunden angewiesen. „Jeder Schritt war anstrengend. Meine Wohnung konnte ich nicht mehr verlassen“, sagt Förster. Es wurde so schlimm, dass er im vergangenen Jahr auf der Mukoviszidose-Station in der Charité aufgenommen werden musste. Die Ärzte sprachen mit ihm über eine Lungentransplantation. „Ich bin ein zäher Mensch. Ich will leben, obwohl ich Angst hatte, das nicht mehr zu schaffen.“

Cornelius Förster war nun ein weiterer Name auf der Transplantationsliste. Ein Anwärter auf etwas, von dem es in Deutschland zu wenig gibt, ein neues Organ. Eine Garantie, es noch rechtzeitig zu erhalten, gibt es für niemanden. Und es spiele auch keine Rolle, wie viel Geld jemand habe, sagen diejenigen, die das Transplantationssystem verteidigen.

12 000 Menschen warten derzeit in Deutschland auf ein Organ oder mehrere Organe gleichzeitig: Herz, Lunge, Leber, Bauchspeicheldrüse, Darm oder Niere. Dem stehen 4054 Patienten gegenüber, die 2011 ein Transplantat eingesetzt bekamen. Aber wer kommt als Erstes dran? Und wer entscheidet über die Reihenfolge auf den Organ-Wartelisten?

Nach dem Skandal um möglicherweise gekaufte Spenderorgane in Göttingen und Regensburg halten viele das System für undurchsichtig. Es sei anfällig für Betrug und Korruption. Ärzte, die von ihren Patienten bedrängt würden, könnten Kontrollen umgehen. Die Bundesärztekammer sprach sich am Donnerstag nach einer Krisensitzung deshalb dafür aus, das „Mehr-Augen-Prinzip“ bei der Zuteilung von Spenderorganen einzuführen.

Das Dilemma des Systems ist damit nicht aus der Welt geschafft. Bei der Entscheidung über Leben und Tod muss es oft schnell gehen und soll gerecht bleiben. Diejenigen, die ein Organ am nötigsten brauchen, sollen es auch am schnellsten kriegen können.

11 Kommentare

Neuester Kommentar