Politik : Ort des Schweigens, Ort des Verschwindens

Haschim Muhsin war einer der Gefangenen, die von ihren amerikanischen Peinigern fotografiert wurden. Die Bilder lösten weltweite Empörung aus. Im Irak selbst redet man über die Folterungen nur schwer.

Bagdad - «Sie wollten uns erniedrigen», sagte Ex-Häftling Haschim Muhsin dem arabischen Fernsehsender Al Dschasira. «Sie schlugen uns mit spitzen Gegenständen auf den Rücken. Sie nahmen uns alle Kleider weg, ließen uns neben der Wand aufstellen und führten unmoralische Handlungen an uns aus, über die ich einfach nicht sprechen kann.»

Kommt noch eine sexuelle Komponente hinzu, neigen die Iraker zur Verdrängung, um das Unfassbare irgendwie zu bewältigen. «Wir zeigen uns nicht einmal unseren unmittelbaren Angehörigen nackt», bemerkt Haider Sabbar, ein anderes US-Folteropfer, «aber hier waren wir nackt vor amerikanischen Männern und Frauen».

Für jeden Iraker war Abu Ghoreib das Symbol für den schrankenlosen Terror des Saddam-Systems. Schon bei der Nennung des Namens zuckte man zusammen. Die Haftbedingungen waren unbeschreiblich. 35 bis 40 Männer waren in drei Mal zwei Meter großen Zellen zusammengepfercht, ohne Hygiene und Waschmöglichkeiten, ohne sauberes Wasser. Jede Art der Folter war an der Tagesordnung. Politische Gefangene waren mit Mördern und Vergewaltigern zusammengesperrt. Mit willkürlichen Erschießungen von Gefangenen wurde «Platz» für Neuankömmlinge gemacht. Angehörige wurden so gut wie nie informiert. Wer in Abu Ghoreib landete, galt als verschwunden.

Als das US-Militär die Haftanstalt nach einem großen Umbau im vergangenen August wieder in Betrieb nahmen, wunderten sich viele Iraker über mangelnde Sensibilität. Aber die USA brauchten einen geeigneten Ort, um Kriminelle und eine ständig steigende Zahl gefangener Aufständischer unterzubringen. Militärgeheimdienstler verhören hier Männer in der Hoffnung, Aufschlüsse über die Zusammensetzung und Funktionsweise immer effektiver agierender Widerstandsnetzwerke zu erhalten.

Abu Ghoreib wurde so zum Dreh- und Angelpunkt der Aufstandsbekämpfung. Wie in früheren Zeiten erfuhren Angehörige nur selten, wo ihre Familienmitglieder Monate nach ihrem Verschwinden festgehalten wurden. Und die wenigen, die etwas herausbekamen, erhielten so gut wie keine Besuchsmöglichkeiten. Dabei hatte Amnesty International schon vor knapp einem Jahr über Missstände in den US-Haftanstalten berichtet, und andere Organisationen zogen regelmäßig mit ähnlichen Expertisen nach. In den Augen vieler Iraker ist aber Abu Ghoreib erneut ein Ort des Schweigens und Verschwindens.

(Von Gregor Mayer, dpa) (tso/dpa)

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