Politik : Orthografie: Einigung in Sicht

Amory Burchard

Berlin - Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat sich in Mannheim auf Vorschläge für die Groß- und Kleinschreibung geeinigt. Eine Faustregel der reformierten Rechtschreibung, dass alle Wörter, die einem Substantiv ähneln, groß geschrieben werden, soll nicht mehr gelten. Der Rat schlägt vor, zur Kleinschreibung zurückzukehren: So solle es künftig pleitegehen oder du bist mir feind heißen. Bei Recht soll sowohl Groß- als auch Kleinschreibung zulässig sein: Du hast recht / Recht. Die Anredepronomen du und dein könnten in Briefen wieder groß geschrieben werden. Eine Kann-Bestimmung schlägt das Expertengremium auch für Wortverbindungen wie weißer Tod oder schwarzes Brett vor: Bei „idiomatischen Verbindungen“ könne das Adjektiv jetzt auch wieder groß geschrieben werden.

Mit diesen Beschlüssen habe der Rat seine Unabhängigkeit dokumentiert, sagte der Vorsitzende Hans Zehetmair. Tatsächlich wollte die Konferenz der Kultusminister (KMK), die den Rat im Dezember 2004 berufen hatte, nur drei Themen auf dem Prüfstand sehen: die Getrennt- und Zusammenschreibung, die Silbentrennung und die Interpunktion.

Die KMK will sich offenbar mit den Vorschlägen auch zur Groß- und Kleinschreibung abfinden, obwohl die Reformschreibungen in 14 Bundesländern zum Schuljahresbeginn 2005 verbindlich wurden. „Wir sehen allen Ergebnissen des Rats aufmerksam entgegen“, sagt Generalsekretär Erich Thies. Es sei keine Grundsatzdiskussion über die Vorschläge zu erwarten.

Nach mehr als einem Jahrzehnt könnte der erbitterte Streit um die Reform der deutschen Rechtschreibung damit beigelegt sein: Anfang März will die KMK über die Vorschläge entscheiden. Zum 1. August sollen die vom Rechtschreibrat überarbeiteten neuen Regeln dann bundesweit für alle Schüler verbindlich werden – auch in Bayern, wie am Donnerstag bekannt wurde. Und der „Spiegel“ folgt schon seit Anfang des Jahres den Vorschlägen des Rechtschreibrats zur Getrennt- und Zusammenschreibung.

„Mit Blick auf den Schuljahresbeginn im Sommer muss die Entscheidung jetzt fallen“, sagt Zehetmair. Er fühlt sich jedoch von den Kultusministern unter Termindruck gesetzt. Anders als der Erlanger Sprachwissenschaftler Theodor Ickler, der fordert „die Reform jetzt noch abzubrechen“, ist Zehetmair aber dazu bereit, in die zweite Phase der Arbeit des Rats zu gehen: Langfristig sollen die zunächst für sechs Jahre berufenen Experten die Entwicklung der deutschen Sprache beobachten und gegebenenfalls weitere Änderungsvorschläge vorlegen – in deutlich größeren Zeitabständen als bisher.

Auch KMK-Generalsekretär Thies verweist Kritiker auf diese Perspektive. Fraglich ist allerdings, ob die Agenda, die Zehetmair skizziert, den Kultusministern gefallen wird: Die Kleinschreibung müsse auch wieder für umstrittene Formen wie heute Abend oder im Voraus gelten. Außerdem sollte die Laut-Buchstaben-Zuordnung für Schreibweisen wie gang und gäbe, Stängel oder Quäntchen überprüft werden, sagt Zehetmair.

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