Ortstermin : Angela Merkel: Frauen tragen lieber Hosen

Gerd Appenzeller hört Angela Merkel im Adlon über die Deutschen reden.

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Nein, Guido Westerwelle war nicht da. Nur Angela Merkel. Aber transzendent schwebte der FDP-Vorsitzende schon über den geradezu dekadent glitzernden Lüstern des Saales im Hotel Adlon, in dem die Bundeskanzlerin das zwölfte Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie vorstellte. Die freundliche Beziehung zwischen der CDU und den Allensbacher Meinungsforschern reicht in die Adenauer-Ära zurück. So lange schon hören jene Mächtigen der Republik, die sich in der parteipolitischen Linie mit dem ersten Kanzler sehen, auf die Empfehlungen aus dem Dorf am Bodensee, das ohne Elisabeth Noelles Institut kaum jemand kennen würde. Dass eine so langjährige Beziehung auch auf gemeinsamen Überzeugungen beruht, darf man sagen. Die gelegentliche Kritik daran aus der Branche entspringt weniger der Sorge um die Unabhängigkeit der Sparte als einem gewissen Neid auf das Renommee der Doyenne der Meinungsforschung in Deutschland.

Kurzum: Die Kanzlerin genoss also ein Heimspiel. „Die Berliner Republik“ ist das Motto des 900 Seiten starken Bandes. Und Allensbach-Geschäftsführerin Renate Köcher bereitete der Laudatorin den Tisch mit einer Fülle von Beispielen dafür, wie die Einheit, die Hauptstadt Berlin und das langsame Gewahrwerden der gemeinsamen Zukunft das Denken der Menschen verändert haben, tatsächlich hin zu einer Berliner Republik, denn eine andere Hauptstadt als diese kann sich kaum ein Deutscher mehr vorstellen. Die Menschen sind pragmatischer und unideologischer geworden, analysierte Renate Köcher die Umfrageergebnisse. Von der früher dokumentierten Neigung, aus jeder Sachfrage eine Weltanschauungsfrage zu machen, sei nichts mehr zu finden. Rasche Lösungen wollten die Bürger, eine an der Sache orientierte Politik.

Zu einer weitgehend visionsfreien, eher an der Schlussfolgerung aus jedem Für und Wider interessierten Kanzlerin passt dieses Volk also. Vielleicht ist es ja auch umgekehrt, und die Allensbacher haben uns so quasi nebenbei erklärt, was die Wähler an Frau Merkel mögen. Die nämlich hatte nach eigenem Bekunden in dem voluminösen Band ausführlich geschmökert und gab den anwesenden Journalisten Leseempfehlungen: Seite 66 zum Beispiel, wo steht, was Westdeutsche über sich selbst und über Ostdeutsche – und vice versa – denken. Wessis halten sich selbst zu 33 Prozent für arrogant. Aber 79 Prozent der Ostdeutschen finden das, und gerade ein Prozent von denen bestätigt Westdeutschen, sie seien hilfsbereit. Das bekümmert Angela Merkel sehr, was man verstehen kann.

Was ihr besser gefällt, ist, dass 83 Prozent aller Bürger für Chancengleichheit und soziale Gerechtigkeit sind. Dass immerhin zwei Drittel meinen, der Staat müsse dafür sorgen, dass niemand in Not gerät und andererseits dem, der mehr leistet, auch einen höheren Verdienst zubilligen. Dass fehlender oder schwindender Zusammenhalt der Gesellschaft als betrüblich empfunden wird, und dass immer mehr Menschen in Ost und West glauben, in Deutschland gehe es nicht gerecht zu. Ob das nun für den Astralleib von Guido Westerwelle über den acht glitzernden Lüstern zitiert worden ist oder weil’s Angela Merkel am Herzen lag – egal. Dass Frauen lieber Hosen als Röcke tragen, war ihr dann auch noch aufgefallen. Aber das hat – zumindest hier – wohl weniger mit der Berliner Republik zu tun als mit dem lausigen Berliner Wind.

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