ORTSTERMIN : Auf alles eine Antwort

Christoph von Marschall

Aspen (Colorado) - Das Haar ist weiß geworden und die Gesichtshaut rötlicher. Aber die Stimme mit ihrem leicht heiseren Unterton bleibt unverkennbar. Bill Clinton ist noch immer ein großer Kommunikator. Nur der Titel hat sich geändert: nicht mehr 42. Präsident der Vereinigten Staaten, sondern Gründer einer Stiftung, die seinen Namen trägt, mit dem Ziel „Global Philanthropy“. Ein „Menschenfreund“ und gleich für die ganze Welt – schöner kann man sein Lebensziel nicht beschreiben. Er darf sich auf das Gute konzentrieren: Aidshilfe, Bildung, Existenzgründung für Arme, Versöhnung nach Bürgerkriegen. Für die unschönen Seiten der Politik wie Abwehr von Terror, Verhinderung von Völkermord und neuer Atomwaffenprogramme trägt er keine Verantwortung mehr.

Und doch ist er ein Macher der Weltpolitik geblieben. Das ist unüberhörbar, als er beim „Aspen Ideas Festival“ inmitten der schneebedeckten Rocky Mountains vor mehreren Hundert Geschäftsleuten, Politikern und Wissenschaftlern seine Gedanken ausbreitet. Ihre Gesichter verraten, wie er ihre Herzen und Köpfe gewinnt: mit Charme, Selbstironie und einem verblüffenden Faktenwissen – von der Einwohnerzahl Liberias bis zur Kalkulation der Transportkosten von Lebensmitteln. Er wirke „wie ein Elefant, der mit seinem Rüssel alles Wissen in seiner Umgebung aufsaugt“, sagt ein millionenschwerer Boss hinterher beeindruckt.

Was tun mit Zimbabwes Diktator Mugabe, das war die Frage bei der Feier zu Nelson Mandelas 90. Geburtstag vor wenigen Tagen in London. Clinton preist Mandela launig und zählt nüchtern die Optionen auf. „Mugabe muss gehen.“ Wenn er das nicht freiwillig tue, solle er Wahlsieger Tsvangirai die Regierung bilden lassen. „Auch der ist kein Unschuldslamm“, warnt Clinton und setzt ironisch hinzu: „Well, alle Politiker haben so ihre Schwächen.“ Der Saal quittiert es mit Gelächter, halb befreiend, halb nostalgisch. In den Mienen lässt sich lesen, was viele denken: Was waren schon Clintons Skandale im Vergleich zu den Problemen, die Amerika unter Bush angehäuft hat?

Wenn er rede, klinge alles so vernünftig und wohl überlegt, seufzen viele hinterher. Politik muss nicht Ideologie und Kampf sein. Harte Interessenvertretung dagegen schon, nur so hat Clinton die Pharmakonzerne auf verträgliche Preise für seine Anti-Aids-Programme heruntergehandelt. Bill hat es sich gemütlich im Sessel gemacht und wippt mit den Spitzen seiner hellbraunen Cowboy-Boots. Und die neue Konkurrenz um Anbaufläche für Biotreibstoff oder Nahrung? „In ein paar Jahren“, sagt Clinton, „werden wir fast nur noch Lebensmittel essen, die im Umkreis von 150 Meilen angebaut wurden.“ Christoph von Marschall

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