ORTSTERMIN : Bete und regiere

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Es mag in der Koalition knirschen. Aber an diesem Mittwoch im Max-Liebermann-Haus am Brandenburger Tor war die Harmonie groß. Das einigende Band: der Katholizismus. Ausgerechnet. Annette Schavan, rheinische Katholikin, Theologin, CDU-Bildungsministerin und frühere Vizepräsidentin des Zentralkomitees der Katholiken, hat dem Berliner Journalisten Volker Resing ein langes Interview gegeben übers Beten, die katholische Kirche und was Religion mit Politik zu tun hat. Daraus ist das Buch entstanden „Gott ist größer, als wir glauben“.

Vorgestellt und gepriesen hat das Buch am Mittwoch einer, der seine katholische Ader bislang vor der Öffentlichkeit eher versteckt hatte: Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler. Das mag an seiner Partei liegen, der FDP, in der nassforsche Kirchenkritik Tradition hat. Vor zehn Tagen erst hatte FDP-Generalsekretär Christian Lindner angeregt, die Rechte der Kirchen zu beschneiden und den Gottesbezug im Grundgesetzes zu streichen.

Aber nun gibt es den Katholiken Rösler – der lebendige Beweis dafür, dass auch in der FDP „nicht nur in eine Richtung gedacht wird“. Rösler hat seine religiöse Ader während des Studiums entdeckt. Vor zehn Jahren wurde er getauft. Heute ist er Mitglied im ZdK. Das Katholische sitzt ihm noch nicht so angegossen wie Annette Schavan – aber Politik ohne Religion, ohne feste Werte, das wäre „nicht schön“. Keine Frage, da sind sich beide einig. Auch darin, dass das Leben unverfügbar ist und eine Selektion von Embryonen unter allen Umständen verhindert werden muss.

Das bedeutet nicht, dass daraus die gleiche politische Entscheidung folgen muss. Bei der umstrittenen Präimplantationsdiagnostik argumentiert Rösler gegen ein Verbot. Wenn man verhindern wolle, dass Frauen noch zu einem späten Zeitpunkt die Schwangerschaft abbrechen, wenn sie erfahren, dass der Embryo krank ist, müsse man die PID zulassen.

Sie sei für ein Verbot der PID, sagte Schavan. Eigentlich. Aber sie frage sich, ob es Situationen gibt, in denen man den Schutz des Lebens gerade dadurch aufgebe, indem man unerbittlich auf ihn poche? „Wer kompromissunfähig ist, scheitert und verliert die Chance zur Gestaltung und damit zur Übersetzung von Grundüberzeugungen in politische Realitäten“, schreibt Schavan in ihrem Buch. Von der katholischen Kirche ist sie in vielem enttäuscht. Was sie sich wünscht? „Die Kirche hört auf, sich selbst leidzutun. Sie entdeckt ihre Schätze und spürt, dass sie der Welt zu viel vorenthält von deren Größe und Schönheit. Sie entdeckt die vielen Talente in der Kirche und lässt Frauen und Männer gleichermaßen wirken. Sie wertet den Zölibat nicht ab, indem sie ihn zur Voraussetzung für das Amt macht“. „Das wäre eine Revolution“, sagt Philipp Rösler. Er wäre dabei.

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