Ortstermin : Bewerbung für mehr

Schwans Rede zum Uni-Abschied ist ein Gegenentwurf zur "Berliner Rede" des Bundespräsidenten. Er sprach die Politiker an - sie die Bürger.

Sebastian Bickerich
Gesine Schwan
Gesine Schwan -

Das soll eine Bewerbungsrede sein? „Bitte heben Sie Finger, wenn Sie etwas nicht verstanden haben oder für kompletten Unsinn halten“, sagt Gesine Schwan. Sie hat ihren roten Blazer an, ihre Lockenpracht hat sich von weitem angekündigt. Sie will über Demokratie reden. Vor ein paar Wochen, als die SPD sie zur Bundespräsidenten-Kandidatin gemacht hatte, hatte sie angekündigt: „Ich werde weiter meine Vorträge halten“. Der hier ist trotzdem ungewöhnlich. Einen Tag zuvor hat Horst Köhler, der amtierende Bundespräsident, eine Grundsatzrede gehalten. Die Polit-Experten in Berlin haben sie eine Bewerbung genannt, für die zweite Amtszeit. Es ist eine Schelte geworden, die Beschwörung einer „Agenda 2020“.

Was sie wohl sagt? Auch Schwan redet grundsätzlich. Die Voraussetzungen sind andere: sie hält ihre Abschiedsvorlesung als Professorin. Köhler hielt eine „Berliner Rede“; er am deutschen Schicksalstag, dem 17. Juni, sie am 18. Er in Schloss Bellevue in Berlin, sie in Hörsaal Eins im „Gräfin-Dönhoff-Gebäude“ der Viadrina in Frankfurt/Oder. Er liest 42 Seiten Manuskript. Sie spricht frei.

„Wie wollen wir regieren?“, übersetzt sie das Thema ihrer Vorlesung. Die Universitätsstrategen haben „Good Global Governance“ ins Programm geschrieben. Was die 300 Zuhörer in Frankfurt in den nächsten 90 Minuten zu hören bekommen, ist die erste von vier Reden zur Demokratie, eine Vorlesung über die Grundlagen des Gemeinwesens. Es ist ein Abschied nach neun Jahren an der Viadrina. Es ist jedoch mehr, das spüren nicht nur die Professoren und Honorationen im Saal. Schwan lässt erkennen, warum sie sich für die bessere Präsidentin hält.

„Viele sagen mir, was ist denn das für eine Demokratie, in der Herrschaft nicht gerecht ist“, sagt sie. Doch die Herrschaft, das sei die des Volkes, jedes Einzelnen. „Wir sind eine konflikthafte Gesellschaft, die kann sich nicht am Lautesten, am Mächtigsten orientieren, sondern am Gemeinwohl“, ergänzt sie – und hält Politik, die nur nach Umfragen schaut, für grundfalsch. Repräsentation in der Politik bedeute nicht „Cocktailparty und Blumenstrauß“, sondern „Vergegenwärtigung des Gemeinwohls“.

Schnell merken die Zuhörer: Köhler hat die Politiker angesprochen, Schwan spricht zu den Bürgern. „Wir sind Staatsbürger, keine passiven Bürger.“ Vielleicht ist das, was Schwan da sagt, ein kluger Gegenentwurf zu dem, was sich da am Vortag aus Schloss Bellevue vernehmen ließ. „Misstrauen zu säen ist keine Wesensart der Demokratie“, sagt Schwan. Menschen brauchen Selbstwertgefühl, ergänzt sie – und erwähnt Rechtsextremisten, denen dies offensichtlich fehle. Auch sie redet von der Durchdringung des Markt- und Konkurrenzdenkens der Gesellschaft, die der Demokratie „den Boden des Zusammenlebens zu entziehen drohe“. Ihre Lehre daraus ist aber gerade nicht der Rückzug ins Private, sondern der Appell an die Beteiligung jedes Einzelnen, an die „Liebe zur Gleichheit“, zur Gerechtigkeit, die auch dem Nachbarn oder Kollegen wiederfährt. Das ist denn doch keine Bemerkung zum Abschied, sondern eine Bewerbung für mehr. 

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