ORTSTERMIN : Bischofsdinner und Grillwurst

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Für nicht wenige evangelische Pfarrer und Kirchenmitglieder dürfte der neue Vorstoß der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gewöhnungsbedürftig sein: Die EKD will künftig gezielt die „Eliten“ in Deutschland für sich gewinnen. Um dieses Ziel zu erreichen, wurde am Dienstag in Berlin sogar eine eigene 32-seitige Orientierungsschrift vorgestellt.

Früher war die evangelische Kirche selbstverständlich mit den politischen, wirtschaftlichen und militärischen Eliten verwoben. Doch die Verbindung bröckelt. Heute sind es vor allem noch die kleinbürgerlichen, traditionsbewussten Milieus, die den Kirchen die Treue halten. Nicht alle in der Kirche finden das einen großen Verlust, klang „Elite“ doch immer schon nach Geld, Macht und Privilegien. Da fühlte man sich mit dem Engagement für die Armen und Ausgegrenzten moralisch auf der besseren Seite.

„Aber wie kann die evangelische Kirche beanspruchen, Volkskirche zu sein, wenn sie mit bestimmten Gruppen gar nicht kommuniziert“, fragte der frühere Berliner Bischof und EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber am Dienstag. Und wenn die Kirche gesellschaftlich mitreden wolle, dürfe sie doch gerade die Eliten nicht außen vor lassen. Huber hatte sich bereits vor vier Jahren in dem von ihm angestoßenen innerkirchlichen Reformprozess dafür stark gemacht, dass die Kirche etwas tut gegen die „Milieuverengung“ – und viel Kritik geerntet.

Aber wen meint die EKD eigentlich, wenn sie von Elite spricht? Jedenfalls nicht per se die Schlossbesitzer und höheren Töchter. Der Vorstoß sei kein „Rückgewinnungsprogramm für ausgetretene Millionäre“. Es geht um die „Funktionseliten“, um diejenigen, die durch eigene Leistung in gehobenen Positionen aktiv sind und sich „nachhaltig für andere und für das Gemeinwesen“ einsetzen wollen. Diese Menschen hätten heute einen sehr starken „Orientierungs- und Vergewisserungsbedarf“, sagte Huber. Doch wenn sie an die Kirchentür klopfen, müssten sie oft feststellen, dass sie mit ihrem Stil, ihren Themen und Bedürfnissen nicht ernst genommen würden, sagte Marlehn Thieme, Mitglied im Aufsichtsrat der Deutschen Bank und Mitglied im Rat der EKD. Sie hat an der Schrift maßgeblich mitgearbeitet.

Was genau man den orientierungsbedürftigen Leistungsträgern anbieten will, ist noch nicht so richtig klar. Intellektuell anspruchsvolle Gottesdienste schaden nicht, auch Rückzugsmöglichkeiten in Klöstern sind begehrt. Das Berliner „Bischofsdinner“, zu dem herausgehobene Leistungsträger eingeladen werden, habe sich ebenfalls bewährt.

„Also künftig Bischofsdinner statt Pfarreifest mit Grillwürstchen?“, spitzte eine Journalistin zu. Es müsse beides möglich sein: Bischofsdinner und Grillwurst, antwortete Thieme. Die Armen und Ausgeschlossenen stünden natürlich weiter im Fokus der kirchlichen Arbeit, man müsse aber auch die anderen ins Boot holen. Im Übrigen solle es ja auch Menschen geben, Mitglieder der Elite gar, die sowohl das Bischofsdinner als auch die Grillwurst nicht verschmähten.

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