ORTSTERMIN : Bloß nicht Enkel Helmut Schmidts

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Nein, zum Streit über die Rolle des BND-Informanten „Curveball“ im Irakkrieg will Joschka Fischer an diesem Vormittag in der Akademie der Künste in Berlin nichts sagen. „Die Zeiten sind vorbei, dass ich auf alles antworten muss“, meint der frühere Außenminister knapp zu der britischen Journalistin, die ihn nach neuen amerikanischen Vorwürfen zum Beitrag des deutschen Auslands-Nachrichtendienstes zu den Kriegsgründen fragt. Denn eigentlich ist der Ex-Vizekanzler gekommen, um den Deutschen weltpolitisch ins Gewissen zu reden und den zweiten Band seiner Memoiren an die rot-grüne Regierungszeit vorzustellen („I am not convinced“). Doch bei aller Abgeklärtheit blitzt die alte Streitlust immer wieder durch. Und so spricht er dann doch Ex-CIA-Chef George Tenet die Redlichkeit ab, der über damalige Zweifel der Deutschen an der Glaubwürdigkeit ihrer Quelle nicht informiert gewesen sein will: „Nein, ich glaube ihm nicht.“

Das Ringen um den Irakkrieg steht im Mittelpunkt von Fischers Buch, doch den Politikberater treiben längst andere, größere Herausforderungen um. Mit zerknittertem Gesicht, mit offenem Kragen über dem karierten Hemd und in beachtlicher Leibesfülle sitzt der frühere fanatische Läufer und Vizekanzler auf der Bühne und malt den drohenden Untergang einer uneinigen Europäischen Union an die Wand: „Es ist eine neue Weltordnung am Entstehen.“ Natürlich kommen auch die Verdienste der rot-grünen Regierung und Gerhard Schröders nicht zu kurz, der eine „große Kanzlerschaft“ hingelegt habe. Und überhaupt, der Kanzler als Wahlkämpfer: „Acker im Strafraum: unerreichte Weltklasse!“

Nebenbei bekommen die Grünen noch ihr Fett weg, obwohl sich Fischer angeblich vorgenommen hat, seinen Nachfolgern in der Ökopartei nicht mehr reinzureden. „Aus dem Saal rennen, weil sie Schreikrämpfe bekommen“, würden seine Parteifreunde wohl, so spottet er, wenn sie mit anhören müssten, wie ihr ehemals bester Wahlkämpfer danach gefragt wird, ob er nicht wieder für die Grünen in den politischen Ring steigen wolle. Aber da überschätzt sich der Autor wohl ein wenig. Denn die meisten in der Grünen-Führungsriege sehen angesichts weit besserer Umfragewerte als zu Fischers aktiven Zeiten ihren Ex-Außenminister heute völlig gelassen.

Nach fast einer Stunde Kolleg über globale Trends und staatsmännischen Urteilen über eine Politik mit begrenztem Horizont fragt ein Journalist mit ironischem Unterton, ob der Autor denn überhaupt einem lebenden Deutschen weltpolitisches Gewicht zuspreche. Doch diese Rolle verweigert Fischer: Als alternder Großstaatsmann, der gleichsam aus einer anderen Sphäre über die Heutigen urteilt, sieht er sich noch nicht. „Sollte ich mich tatsächlich zum Enkel von Helmut Schmidt entwickeln, würde mir das leidtun“, versichert er treuherzig.

Nur die Augen von Fischers Verleger Helge Malchow werden in diesem Moment ganz, ganz groß. „Für Buchveröffentlichungen wäre das ungeheuer lukrativ“, gibt er leise, aber hörbar zu bedenken. Aber allein der Auflage wegen muss sich Fischer nicht darum bemühen, das Erbe Helmut Schmidts als Preaceptor Germaniae anzutreten. Seine Bücher, so hatte Malchow bei der Begrüßung verraten, verkaufen sich auch so ganz gut.

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