Ortstermin : Brückenbauer

Es ist ein hübsches und wohl auch gewolltes Zusammentreffen. Am 5. März 1969 wurde in dramatischer Wahl der erste sozialdemokratische Bundespräsident der Bundesrepublik gekürt. Und auf den Tag genau 40 Jahre später wird im Berliner Willy-Brandt-Haus nicht nur der nach Gustav Heinemann benannte Bürgerpreis verliehen.

Rainer Woratschka

Berlin -  Die Laudatio auf die Preisträger halten darf auch diejenige, die in zwei Monaten im SPD-Auftrag wieder das höchste Staatsamt erringen möchte. Eine großartige Gelegenheit und Offerte zur Selbstdarstellung, man kann das gar nicht anders verstehen.

Franz Müntefering baut auch noch die Brücke, indem er an die bevorstehende „Bundespräsidentinnenwahl“ erinnert und der Kandidatin „viel Erfolg“ wünscht. Doch Gesine Schwan nutzt die ungewöhnliche Konstellation nicht. Weder redet sie von sich selber und ihren Zielen, noch schafft sie Bezüge zu dem Wegbereiter der ersten sozialliberalen Koalition. Ihre Äußerung, dass Heinemann wohl moralisch zu rigoros gewesen sei, um es zu „everybodys darling“ zu bringen, bleibt im luftleeren Raum. Will sie selber auch sperrig sein oder lieber emotional? Oder klingt darin schon die Entschuldigung an für den Fall, dass es ihr am Ende nicht reicht gegen den beliebten Amtsinhaber?

Nein, die Kandidatin bleibt lieber ganz bei den Preisträgern, die ihrer Ansicht nach „alle Tugenden Heinemanns versammeln“. Richard Schröder ist der eine – Theologe, Publizist, Philosoph, Politiker, Tagesspiegel-Autor auch. Als Christ und Bürgerrechtler habe er nicht nur der friedlichen Revolution in Ostdeutschland, sondern auch dem Vereinigungsprozess eine Richtung gegeben, heißt es in der Begründung. Schröder tue dies immer noch, sagt Schwan und rühmt die „Mittlerdienste“ des gebürtigen Sachsen im „deutsch-deutschen Diskurs“. Und Müntefering preist dessen Entschiedenheit und nennt es ein Glück, dass Schröder das richtige Instrument gelernt habe – „die Geige und nicht die Blöckflöte“.

Für Mut und Zivilcourage wird auch Bianca Richter ausgezeichnet. Sie hat sich in ihrem Heimatdorf gegen die Neonazi- Szene gestellt, eine inzwischen mehrfach ausgezeichnete Bürgerinitiative gegründet und sich von Mitbürgern jahrelang als Nestbeschmutzerin beschimpfen lassen. Ihre Schilderungen lassen manchen altgedienten Sozialdemokraten schlucken und sind für Gesine Schwan Beleg für ein „auffälliges und bedrohliches Versagen“ von Zivilgesellschaft und Einzelnen, „die sich nicht trauen, ihre Stimme zu erheben“.

Den leidenschaftlichen Appell jedoch überlässt sie dem SPD-Vorsitzenden. Demokratie brauche Engagement, sie sei weder „sichere Bank“ noch „Schaukelstuhl“, donnert Müntefering. Viel zu viele glaubten, sich raushalten zu können. Doch Institutionen reichten nicht, Willy Brandts Forderung, mehr Demokratie zu wagen, bedürfe dringend eines zweiten Teils. Und die Kandidatin? Sieht das alles genauso. Und dankt dem Parteichef für das „intensive Plädoyer“. Rainer Woratschka

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