ORTSTERMIN : Christliche Seefahrt

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Herr C. hat mitgeschrieben, auf einem Din-A-4-Block, aber so richtig verstanden hat er die Sache mit Griechenland, dem Euro und den Schulden immer noch nicht. Doch Herr C. denkt sich, wenn er schon einen Bundesfinanzminister und einen ehemaligen Bundesfinanzminister auf dem Podium sitzen hat, dann fragt er nach. Was es auf sich habe mit dieser „No bell“-Klausel, weil, von der habe der Herr Hans-Olaf Henkel neulich in einer anderen Diskussion auch geredet?

Hermann Gröhe stellt behutsam klar, dass es „no bail out“ heißt. Wolfgang Schäuble nickt verständnisvoll. Theo Waigel gibt Nachhilfe: No bail out heißt „nicht rauspauken“, steht im Lissabon- Vertrag und besagt, dass kein Euro-Staat für die Schulden des anderen haften soll. „Das ist auch gut und richtig so“, sagt Waigel. Aber weil er ja weiß, dass der Herr Hans-Olaf Henkel aus dieser Klausel immer schlussfolgert, Deutschland dürfe solchen wie den Griechen nicht beispringen, schiebt er seine Interpretation gleich hinterher: Nicht rauspauken, das heiße doch nicht, dass man nicht in eigenem Interesse einem Gestrauchelten Hilfe zur Selbsthilfe geben dürfe „wie in einer Familie“.

Herr C. wirkt immer noch etwas ratlos mit seinem Block in der Hand. Der CDU- Generalsekretär Gröhe hat am Mittwochabend im Adenauer-Haus zu einem „Europa-Kongress“ geladen, erst hat Schäuble geredet, dann Waigel, aber C. ist erkennbar nicht der Einzige im Publikum, der überwiegend Bahnhof versteht. Das ist ja auch kein Wunder. Die Euro- Krise ist für normal Sterbliche so durchschaubar wie die Quantentheorie. Auch weil Gröhe das weiß, hat er Waigel eingeladen. Der ist erstens als einer der Euro- Väter vom Fach, zweitens ein prima Geschichtenerzähler und drittens mit der Rettungspolitik der Kanzlerin im Großen und Ganzen einverstanden. Außerdem ist es natürlich eine kleine Gemeinheit gegenüber dem Möchtegern-Euroskeptiker Horst Seehofer, dass sein Ehrenvorsitzender in Berlin aufs CDU-Podium steigt.

Waigel spielt seinen Part mit Bravour. Er schlägt – selbst Jahrgang ’39 – den historischen Bogen vom Zweiten Weltkrieg bis zur Gegenwart, missbilligt „Untergangspropheten“ und „Zukunftshysteriker“ – Herr Hans-Olaf Henkel lässt grüßen – und erklärt die Griechen-Rettung maritim: Die Griechen hätten sich wie ein blinder Passagier an Bord gemogelt, der auf offener See aus dem Versteck krabbele. „Die christliche Seefahrt verbietet aber, ihn von Bord zu werfen“, stellt Waigel fest. Da bleibt nur: durchfüttern.

Im Publikum überzeugt das nicht jeden. Ein Herr aus Charlottenburg ist weiter besorgt. So viele Milliarden sind im Spiel, „wer rettet den Bürger?“ Waigel erklärt, dass es genau um den gehe, seine Bank, sein Erspartes: „Alles, was jetzt geschieht, dient dem Bürger.“ Ein anderer Herr hält sich mit Besorgnis gar nicht erst auf. Über Bord schmeißen, gut, aber wenigstens „aus dem Zug schmeißen“ müsse man diese Griechen doch! Das sei gar keine Demokratie, da hätten in Wahrheit zwei Familien das Sagen, und überhaupt: „Griechenland ist ein kulturell von uns schwer zu durchschauendes Land!“

Hinten im Saal klatschen ein paar. Schäuble holt Luft zu einer etwas längeren Antwort. Die Griechen rauswerfen? Leider weiß nur keiner, was dann mit der übrigen Euro-Zone passiert. „Die einen sagen so und die anderen sagen so“, sagt Schäuble. „Die meisten sagen uns: Die Folge wäre eine wahnsinnige Verunsicherung der Finanzmärkte.“ Hinten bei den Klatschern zischt einer böse „Quatsch!“ Schäuble hört das nicht. Er ist längst bei den völkerkundlichen Betrachtungen des Fragesteller. „Natürlich sind die Griechen anders als die Deutschen“, sagt Schäuble. „Aber ich weiß nicht, ob ein Volk besser ist als die anderen …“

Waigel nickt beifällig. Er ist, wie gesagt, Jahrgang ’39. Er hat vorhin daran erinnert, dass die deutsche Europapolitik lange darin bestand, andere Völker zu überfallen. Er hat selbst erlebt, wie viel das vereinte Deutschland den Europäern verdankt. „Vielleicht“, sagt Theo Waigel, „gibt diese Situation Deutschland zum ersten Mal in seiner Geschichte die Möglichkeit, die Geschicke Europas positiv zu beeinflussen.“ Er sagt das so leicht dahin. Dabei ist es, genau besehen, ein ziemlich atemraubender Gedanke.

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