ORTSTERMIN : Der alte Mann und das Reich der Mitte

Helmut Schmidt erklärt, warum Peking westliche Arroganz so wenig braucht wie der Rest der Welt.

Andrea Dernbach

Zu Zeiten des Kanzlers Schmidt wurden dessen oft ausführliche Auslassungen zur Weltlage unter Bonner Journalisten als „Weltwirtschaftsoper“ gefürchtet. Dass Helmut Schmidt auch im 90. Lebensjahr und mehr als ein Vierteljahrhundert später nicht nachlässt, bewies er am Donnerstag vor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Wobei er beim Thema China nicht geografisch in die Breite durfte und deshalb in die historische Tiefe ging. In reichlich einer halben Stunde durchpflügte der Altkanzler 4000 Jahre China so wohlgegliedert und thesenstark, dass man bedauerte, dass nicht Schüler ihn hören durften, sondern fast durchweg ältere Jahrgänge, Wissenschaftler, amtierende und Ex-Dipomaten.

Entstanden sei die Idee zur Veranstaltung, so Markus Baumanns von der mitveranstaltenden „Zeit“-Stiftung, vor Wochen aus „gemeinsamem Ärger über die „einseitige Berichterstattung“ im Westen während der Unruhen in Tibet. Dass der Ärger über den weltweiten Enthusiasmus für die tibetische „Theokratie“ (Schmidt) im Publikum allgemein sein muss, ist am Beifall der anwesenden Außenpolitikexperten unüberhörbar. Doch Schmidt nimmt es nicht nur damit auf, sondern, am Beispiel China, mit der selbstbezogenen Weltsicht des Westens – und der USA – überhaupt. Im westlichen Bewusstsein gebe es zwei bedeutende Chinesen, die ein Abstand von 2000 Jahren trenne: Konfuzius und Mao. „Was dazwischen liegt, wissen die allermeisten Menschen im Westen nicht.“ Zwar habe die westliche Sinologie gut geforscht und aufgearbeitet, aber es sei von alledem, „fast nichts in das Bewusstsein der politischen Klasse in Europa und Amerika gedrungen“. Die Frage des DGAP-Direktors Eberhard Sandschneider, ob es den Westen denn überhaupt noch gebe, beantwortet Schmidt, den ersten Stängel „Reno“ zwischen den Lippen, mit Sarkasmus: Wir verstünden schon von China nichts, „von den Muslimen verstehen wir noch weniger“. Insofern, ja, könne er „Ihre Frage, ob es den Westen noch gibt, mit Ja beantworten“.

China sei, sagt Schmidt, eine „währungspolitische Weltmacht“, die mit 1600 Milliarden Dollar Devisenreserven einen Vorrat angehäuft habe wie nie je ein Land. Eine ökonomische und finanzpolitische Macht könne es noch werden. Die alten Mächte hätten davon so wenig zu fürchten wie schon durch den Aufstieg Japans seit 1868. Europas Lebensstandard sei seither gewachsen und der Sozialstaat sei entstanden, „die größte kulturelle Leistung, die die Europäer im 20. Jahrhundert hervorgebracht haben“.

Statt Angst empfiehlt Schmidt Respekt vor dem Wiederaufstieg der ältesten bestehenden Kultur der Welt. Nach vier Staatszusammenbrüchen, dem Holocaust und mindestens einem allein verschuldeten Weltkrieg machten „wir Deutschen uns zu Lehrern der andern? Welche Überheblichkeit!“ Der Ruf einer Zuhörerin („Man kann doch aus Fehlern lernen“) verhallt. Ohnehin soll es mit der Tagespolitik jetzt genug sein, denn, sagt mit fester Stimme der so ungebrechliche Alte, kurz bevor er auf seinen Stock gestützt mit kleinen Schritten den Saal verlassen wird, „der Tagespolitik bin ich seit Jahrzehnten entwachsen.“

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