Ortstermin : Der Kampf der Kulturen als Ideenwettbewerb

Karin Schädler trifft die Islamwissenschaftler Weidner und Hegasy, die erklären, warum selbst Konservative zu 68ern werden, wenn es gegen Muslime geht.

Karin Schädler

Wie die Suche nach der „wahren“ Religion in Lessings Ringparabel, so stellt er ihn sich idealerweise vor: Der Kampf der Kulturen als ein Ideenwettbewerb, in dem jeder versucht, das Beste von sich zu zeigen. „Wenn wir es so sehen würden“, meint der Islamwissenschaftler Stefan Weidner, „dann wäre schon viel gewonnen.“ Sein Buch „Manual für den Kampf der Kulturen. Warum der Islam eine Herausforderung ist“ stand im Mittelpunkt der Diskussion am Donnerstagabend in den Geisteswissenschaftlichen Zentren Berlins. Mit Weidner sprach die Vizedirektorin des Zentrums Moderner Orient, Sonja Hegasy. Die Islamwissenschaftlerin spricht sich stets gegen eine Kulturalisierung von politischen und gesellschaftlichen Konflikten aus.

Hegasy lieferte Beispiele für die Vermischung von Religion und Politik, so das des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan, der kürzlich über den sudanesischen Präsidenten Omar al Bashir gesagt hatte, ein Muslim sei gar nicht in der Lage, einen Völkermord zu begehen. Und sie berichtete über eine Anhängerin des islamfeindlichen Vereins Pax Europa, die während einer Demonstration ihre Furcht vor einer „Islamisierung“ der deutschen Gesellschaft damit begründet hatte, dass Muslime ihre Töchter nicht den Schwimmunterricht besuchen ließen. Gleichzeitig habe sie aber Christen das Recht zugestanden, ihre Kinder aus religiösen Gründen vom Sexualkundeunterricht zu befreien.

Weidner sagte: „Auch wenn ich keinen Kulturkampf will, muss ich anerkennen, dass es diesen Kampf gibt.“ Doch er stimmte auch der Entgegnung eines Zuhörers zu, dass einiges, was heute im Nahen und Mittleren Osten als rein kulturell-religiöser Konflikt erscheint, das Ergebnis einer einst vom Westen geschaffenen Grenzziehung ist. Ein Beispiel dafür sei die afghanisch-pakistanische Grenze, die paschtunische Stammesgebiete voneinander trennt.

In der westlichen Sicht auf den Islam stellt Weidner eine „Wahrnehmungsverzerrung“ auch im Blick auf das Eigene fest. „Wenn wir uns mit dem Islam auseinandersetzen, identifizieren wir uns mit einer absolut neuen, postmodernen Position“, sagte Weidner. Die sei aber frühestens seit 1968 in unseren Gesellschaften angekommen und keineswegs Konsens, etwa die Gleichstellung der Geschlechter und die Akzeptanz von Homosexualität. Diskriminierung sei bei uns milieuabhängig. Immer noch sei es etwa schwulen Profi-Fußballern quasi unmöglich, sich zu outen. „Trotzdem greifen sogar Konservative, die bislang nicht für ihre Homosexuellenfreundlichkeit oder ihr Engagement in der Frauenbewegung bekannt waren, diese Argumente auf und wenden sich damit pauschal gegen den Islam.“

Eine zu differenzierte Sichtweise sei allerdings auch problematisch, räumte Islamwissenschaftler Weidner ein. Schaue man sehr genau hin, könne man den Gegenstand oft nicht mehr greifen. Im Prinzip sei das Thema zu komplex, um überhaupt besprochen zu werden. Und so beklagte ein junger Zuhörer zum Schluss, dass auf der Veranstaltung wieder nur das reproduziert worden sei, was ohnehin ständig in der Zeitung steht. Das gab Weidner auch durchaus selbstkritisch zu: „Natürlich ist die Aufmerksamkeit immer da, wo die Probleme sind, und nicht da, wo es funktioniert.“

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