ORTSTERMIN : Die Hauptperson glänzt - durch Abwesenheit

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Die Reihen im Bundestag haben sich schon deutlich geleert, als der Linken-Politiker Ulrich Maurer ans Rednerpult tritt. „Sie haben offensichtlich wenig über Kommunismus gelesen“, hält er den Abgeordneten der anderen Fraktionen vor. Der Katholik und frühere Ministrant zitiert aus der Apostelgeschichte: „Die Menge der Gläubigen war ein Herz und eine Seele, und auch nicht einer sagte, dass etwas von seinen Gütern sein eigen sei, sondern alle Dinge waren ihnen gemeinsam“, doziert Maurer. „Das ist Kommunismus pur“, ruft er unter dem Hohngelächter vieler Parlamentarier.

Es ist Freitagnachmittag, letzter Tagesordnungspunkt ist die Aktuelle Stunde zu den umstrittenen Kommunismus-Äußerungen der Linken-Vorsitzenden Gesine Lötzsch. Viele Abgeordnete sind längst auf dem Heimweg in ihren Wahlkreis, nur die Linksfraktion hat ordentlich mobilisiert. Mit einem Aufsatz zum Kommunismus hatte Lötzsch Anfang Januar für Empörung gesorgt – auch in ihrer Partei. „Die Wege zum Kommunismus können wir nur finden, wenn wir uns auf den Weg machen und sie ausprobieren, ob in der Opposition oder in der Regierung“, schrieb Lötzsch in der Zeitung „Junge Welt“, zu DDR-Zeiten Zentralorgan der FDJ. Egal, welcher Pfad zum Kommunismus führe, alle seien sich einig, dass es ein „sehr langer und steiniger“ sein werde.

An diesem Freitag ist die Linken-Chefin nicht ins Parlament gekommen, um sich für ihre Äußerungen zu rechtfertigen. Sie habe dringende Termine in Wiesbaden, lautet die offizielle Begründung – Neujahrsempfang der dortigen Linksfraktion. Die Verteidigung muss daher der Ex-Sozialdemokrat Maurer übernehmen, der über die „Summation von falschen Anschuldigungen und Unverschämtheiten“ schimpft. Alle Utopien seien missbraucht worden, sagt Maurer: die urchristliche Idee durch Hexenverbrennungen, Folter und Inquisition, der Kapitalismus durch Millionen von Toten im Vietnam-Krieg. Er würde sich außerdem wünschen, dass die Union sich von der Kollaboration mit Nazis nach dem Zweiten Weltkrieg so distanziere, wie es die Linke und deren Vorgängerpartei PDS von den Verbrechen des SED-Regimes getan hätten.

„Unterirdisch“, findet der Grüne Wolfgang Wieland die „Nebelkerzen“, die Maurer werfe. Es sei „Heuchelei“, wenn die Linke so tue, als ob sie mit Kommunismus nichts zu tun habe, sagt er unter Verweis auf die bekennende Kommunistin Sahra Wagenknecht, inzwischen Vizechefin der Linken. Mit Blick auf Lötzsch und Linkenchef Klaus Ernst sagt er: „Sie weist auf die vielen Wege zum Kommunismus hin, und er weiß darauf nicht, auf welchem er mit seinem Porsche voranfahren will.“ Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) wirft Lötzsch Geschichtsvergessenheit vor. „Dass der Kommunismus eine reale blutige Geschichte hat, spielte in ihrem einseitigen Text keine Rolle“, sagt er und erhält Applaus auch aus den Reihen von Union, FDP und Grünen. Die Ignoranz gegenüber den Opfern sei „beschämend, verletzend, skandalös“. CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe bezeichnet es als „eine Schande“, dass Lötzsch „bis heute kein Wort des Bedauerns“ geäußert habe gegenüber den Opfern des DDR-Regimes. Und der FDP-Abgeordnete Jens Ackermann warf ihr einen „zynischen Angriff auf die Gefühle der vielen Opfer des Kommunismus“ vor.

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