ORTSTERMIN : Die Physik, die Physik, die hat immer recht

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Der Abend ist fortgeschritten, da platzt Hermann Gröhe dann doch der Kragen. Der CDU-Generalsekretär hat sich in der letzten Stunde einiges anhören müssen von seiner Basis in Sachen Atomausstieg. Aber dass Horst Tarnawski einem leibhaftigen Bundesminister unterschieben will, der empfehle der CDU, das Programm der Grünen zu übernehmen, das geht selbst dem Gemütsmenschen Gröhe zu weit. „Ein bisschen Redlichkeit untereinander!“, raunzt er den Mittelstandsfunktionär an. Neben ihm auf dem Podium blicken Norbert Röttgen und Roland Pofalla beifällig ins Foyer des Berliner Konrad-Adenauer-Hauses. Die drei da oben verkörpern die Atomwende der CDU. Von den gut 250 da unten aber verstehen seit ein paar Wochen viele ihre christdemokratische Welt nicht mehr.

Der Professor Dr.-Ing. Marcus Mattis zum Beispiel versteht sie besonders kraftvoll nicht. Der Energie-Unternehmensberater aus Stuttgart will festgehalten wissen, „dass die Physik über der Partei steht“ und man Wahlen nicht mit einer „Politik gegen die Physik“ gewinne. Er wolle ja nicht das alte Bild von den erlöschenden Lichtern wiederholen, bloß: „Was passiert eigentlich, wenn da draußen die Demonstrationen lauten: Wir wollen Strom?“ Mattis ist nicht der Einzige, der mit akademischem Titel und einschlägiger Tätigkeit Fachautorität beansprucht. Das liegt vermutlich auch daran, dass die CDU ihre Funktionärsbasis für diesen Montagabend zum „Energiepolitischen Fachgespräch“ geladen hat. Angesprochen fühlten sich vor allem die, die in ihren Orts- und Kreisverbänden seit alters als Experten galten.

Für sie kommt die radikale Kehrtwende ihrer Parteispitze einem intellektuellen Todesurteil gleich. Jahrzehntelang haben sie die Atomgegner für Spinner erklärt und jeden dahergelaufenen Grünen mit ihrem Ingenieurdiplom und lässig hingeworfenem Fachvokabular abfahren lassen. Jetzt erklärt die eigene Partei mit einer Physikerin an der Spitze, dass das alles falsch war. Das Restrisiko, sagt Röttgen in seiner Einführung, sei in Fukushima von der mathematischen Größe zum „Ereignis“ geworden. Will sagen: Die CDU lag nicht nur politisch falsch, sondern auch fachlich daneben.

Das stellt ganze Lebensläufe in Frage, politisch und fachlich. „Wir vertrauen Ingenieuren und Wissenschaft, bis heute!“, schimpft der Kreischef von Leipzig- Land, Georg-Ludwig von Breitenbuch. „Bitte Augenmaß und bitte etwas mehr Ruhe in der Diskussion“, ruft der Dresdner Professor Thomas Streil. Der Strahlenspezialist – „Meine Messgeräte arbeiten jetzt in Fukushima!“ – hält daran fest, dass da in Japan ein Uralt-Reaktor explodiert und „noch kein Arbeiter an Strahlung verstorben“ sei, er will Windkraftwerke rund um Reaktoren bauen als Abwehr gegen Flugzeuganschläge, aber vor allem ist er verzweifelt: „Sprechen Sie doch auch mal mit Fachleuten!“

Andere verteidigen die Atomkraft nicht offen, sondern melden Zweifel an den Alternativen an – daran, dass der Strompreis nicht explodieren wird, daran, dass energieintensive Firmen nicht aus Deutschland flüchten werden, daran, dass der Plan von der neuen Energiewelt aufgeht, den Röttgen aufgemalt hat und den Pofalla als „historisches Projekt der CDU“ schmackhaft zu machen versucht.

Die zentralen Begriffe dieser Kritiker lauten „Hektik“ und „Nüchternheit“. Bisher, sagt der sächsische Landtagsfraktionschef Steffen Flath, sei das Thema „sehr emotional“ behandelt worden. „Wir brauchen Nüchternheit!“ Christian Steinkopf aus der Prignitz vergleicht die Reaktion auf Fukushima mit dem eines „Hühnerhaufens, wenn der Marder im Stall ist“. Ein Dresdner, „von Beruf Atommüllmann“, klagt: „Ich hab’ verstanden – wir wollen ja gar nicht mehr abwägen.“ Und der Leipziger Breitenbuch stellt knapp fest: „Wir kriegen an der Basis diesen Schwenk derzeit nicht vermittelt.“

Daran scheint zumindest eins richtig: Gerade die echten oder selbst ernannten Atom-Experten in der CDU wollen den Schwenk gar nicht vermitteln. Draußen vor dem Haus demonstrieren ein paar Atomgegner mit dem „Atomkraft – Nein Danke“-Logo. „Unsere Freunde mit den rot-gelben Fahnen“, spottet ein CDUler. Er hat erkennbar nicht gemerkt, wie recht er damit mittlerweile hat.

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