ORTSTERMIN : Die Stimme aus Rangun

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Politisch habe sich seit der umstrittenen Wahl in Birma im vergangenen November „nicht viel verändert“, sagt die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi. Aber für sie persönlich schon. Als sie kurz nach der Wahl aus dem Hausarrest entlassen wurde – insgesamt war sie 15 Jahre eingesperrt – „habe ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Mobiltelefon gesehen“, berichtete sie bei einer Diskussion mit Studenten der privaten Berliner Hochschule Hertie School of Governance.

Suu Kyi war natürlich nicht persönlich in Berlin. Reisen darf sie nicht. Das am Dienstag aufgezeichnete Gespräch von Suu Kyi mit Studenten, der Hertie-Professorin Alina Mungiu-Pippidi und der China-Korrespondentin der Deutschen Welle (DW), Adrienne Woltersdorf, fand unter ganz besonderen Umständen statt. In der Hertie School wurde die Diskussion für das DW-Fernsehen aufgenommen. Suu Kyi saß in Rangun und war per Telefon zugeschaltet. Videoübertragungen sind für sie verboten, nicht aber Audioschaltungen. Und so stand Suu Kyi knappe zwei Stunden für eine lebhafte Diskussion über die Zukunft Birmas zur Verfügung. Zugleich wurden in Birma Filmaufnahmen von ihr gemacht, die jedoch zunächst aus dem Land gebracht werden mussten, bevor die Veranstaltung öffentlich gemacht werden durfte.

Die Chefin der aufgelösten Partei „Nationale Liga für Demokratie“ (NLD), mit der Suu Kyi die Wahl 1990 gewonnen hatte, war dagegen gar nicht konspirativ, sondern bemerkenswert offen. Zwar bleibt die mittlerweile 65-jährige Suu Kyi dabei, dass von einer Demokratisierung erst dann geredet werden könne, wenn „alle politischen Gefangenen freigelassen wurden und die allgegenwärtige Angst verschwunden ist“. Doch gleichzeitig ist sie durchaus optimistisch, dass sich die Dinge in Birma langsam verändern könnten. So berichtete sie enthusiastisch von einer Internetplattform, an der sich vor allem junge Menschen aus Birma beteiligten, auf der seit drei Monaten Debatten über das Vorgehen und die Ziele der Opposition stattfänden. Sie und ihre Mitstreiter wollten mit möglichst vielen Menschen in Birma ins Gespräch kommen, sagte sie.

Suu Kyi machte indirekte Angebote an das Militär, das in Birma nach wie vor das Sagen hat – trotz ziviler Regierung. „Ich bin bereit zu Kompromissen, wenn es dem Land dient“, sagte sie. Im Übrigen halte sie das Militär für „eine wichtige Institution“. Schließlich sei es ihr Vater gewesen, der als Vater des modernen Birma die Armee gegründet habe. Suu Kyi hält die Beschlüsse des Außenministerrates der Europäischen Union vom April zu den Sanktionen gegen Birma für ziemlich vernünftig: „Es ist richtig, dass der Außenminister nun in die EU reisen darf“, sagte sie. Schließlich habe er sich noch nichts zuschulden kommen lassen. Gegen diejenigen, die für Menschenrechtsverletzungen verantwortlich seien, sollten die persönlichen Sanktionen jedoch auch weiterhin in Kraft bleiben. Die wirtschaftlichen Sanktionen jedoch hätten nahezu keinen Einfluss auf Birma, sagte Suu Kyi mit Verweis auf eine entsprechende Studie des Internationalen Währungsfonds.

Auf die Frage, ob sie sich nach all den Jahren des Kampfes um mehr Demokratie nicht in den Ruhestand zurückziehen wolle, sagte sie erst mal nichts. Und dann: „Oh!“ Es folgte ein fröhliches Kichern. Nein, das hat sie nicht vor. „Ich bin nicht mit Illusionen in die Politik gegangen“, sagte sie. „Ich wusste immer, dass das harte Arbeit ist.“

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