ORTSTERMIN : Diplomatische Ohrfeigen

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Foto: dapd

Ein herzliches Lächeln und ein Winken für die Kinder, eine innige Umarmung mit der Witwe Kati Marton – US-Außenministerin Hillary Clinton lässt am Freitagnachmittag keinen Zweifel daran, dass ihr die Gedenkveranstaltung für den US-Ausnahmediplomaten Richard Holbrooke in der American Academy in Berlin-Wannsee ein Herzensanliegen ist. Um nichts in der Welt hätte sie das verpassen wollen, lässt sie mit einem weichen Lächeln über der mehrfach geschlungenen Perlenkette wissen. Sie war die letzte, die Holbrooke getroffen hat, bevor Ärzte Mitte Dezember stundenlang vergeblich versuchten, sein Leben zu retten.

Wie auch die anderen Redner – allen voran Holbrookes Witwe Kati Marton in einer bewegenden Rede – zeichnet Hillary Clinton ein sehr persönliches Bild von dem bulligen Diplomaten. Sie erzählt von einem Mann, der gern Regeln brach und ungewöhnliche Wege ging, um zu erreichen, wovon er überzeugt war. Hillary Clinton lässt die Gäste teilhaben an ihren Erinnerungen an den Mann, der sie auch schon mal bis auf die Damentoilette verfolgte, um etwas Dringendes mit ihr zu besprechen. Sie erinnert daran, wie ihr Mann, der damalige Präsident Bill Clinton, Holbrooke als Botschafter nach Deutschland schicken wollte, der aber davon nicht begeistert war. „Wie zwei Elefantenbullen“ hätten sie „trompetet“, schildert sie die Szene. Der Ernst der Lage erklärte sich damals, nach dem Ende des Kalten Krieges, aus der unsicheren politischen Großwetterlage: Würden die Beziehungen zu Deutschland auch in Zukunft halten? Richard Holbrooke habe gesagt, sie müssten eine komplett neue Verbindung aufbauen: basierend „auf Freundschaft, auf geteilten Ideen und geteilten Werten“. Dafür hat er sich eingesetzt, auch mit dem Aufbau der American Academy, für die er dem US-Medienmogul John Kluge während einer Pinkelpause eine Million Dollar abhandelte.

Doch bei allen Anekdoten wird Hillary Clinton auch sehr politisch. Als „Richard“ damals von einem privaten Besuch in Bosnien zurückgekommen sei, habe er gesagt, dort müsse die Welt, nicht nur Europa eingreifen. Der Bosnien-Krieg sei eine furchtbare Wiederholung der Dinge, die 50 Jahre zuvor geschehen seien – Deutschlands dunkelstes Kapitel.

Als sie auf Libyen zu sprechen kommt, wählt Hillary Clinton nun den Vergleich mit Bosnien. „Die Welt hat nicht abgewartet, bis ein zweites Srebrenica an einem Ort namens Bengasi geschieht“, sagt sie, und es klingt wie eine vernichtende Kritik an den Deutschen, die sich im UN-Sicherheitsrat bei der Abstimmung über die entscheidende Resolution enthielten und eine militärische Beteiligung ausschlossen. In Srebrenica hatten bosnisch-serbische Truppen 1995 rund 8000 muslimische Jungen und Männer getötet. Die Vereinten Nationen hatten den größten Massenmord in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs nicht verhindert. Diesmal hätten die UN rasch gehandelt, lobt die US-Außenministerin. In nur einer Woche habe die Gemeinschaft „Massaker verhindert“, die Militärkoalition sei gewachsen, als Muammar al Gaddafi weiter sein Volk bombardierte. Holbrooke, der als der Vater des Friedens am Ende des Bosnien-Kriegs gilt, sei als Berater nicht mehr da gewesen, „aber wir hatten seine Prinzipien als Anleitung“, sagt Clinton. Und dazu gehöre, dass „frühes Eingreifen von außen entscheidend“ sei. Die Worte hallen wie eine Ohrfeige für Kanzlerin Angela Merkel und Außenminister Guido Westerwelle. Knapp zwei Stunden später, nachdem Clinton von Westerwelle den Walther-Rathenau-Preis bekommen hat, folgt noch eine diplomatische Watsche. In der US-Botschaft dankt Clinton den Deutschen für die wunderbare Unterbringung und wie nett man sich um sie gekümmert habe. Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen dankt sie für die gute Arbeit.

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