Ortstermin : Dreiecksbeziehung

Beim Juso-Kongress diskutieren Vertreter der Linken und Grünen mit.

Verena Friederike Hasel

BerlinSie würde jetzt anfangen, nur ist außer ihr keiner da. "Nun muss ich wieder alle einfangen“, sagt Franziska Drohsel und steigt vom Podium im Kreuzberger Umspannwerk. Es ist Sonntag, zweiter Tag des Juso-Kongresses, angesetzt ist eine Diskussion zwischen drei jungen Linken. Die Rollen in dieser Ménage à Trois werden schnell klar, als sie alle da sind: Die Juso-Vorsitzende Drohsel ist die werbende Liebhaberin, sie will Jan Korte, im Bundestag für die Linkspartei, gewinnen. Er ziert sich noch, und Julia Seeliger, jüngstes Parteiratsmitglied der Grünen, ist beleidigt, so gehört es sich für die abgelegte Geliebte.

Franziska Drohsel ist heute sehr erkältet. Einmal muss sie vor lauter Husten aufhören zu reden, ganz so als habe sie in der vergangenen Zeit zu oft gesagt, was sie jetzt wiederholt: Dass SPD-Chef Kurt Beck sich nicht verunsichern lassen soll, dass sie eine Öffnung zur Linkspartei fordert. Die Gemeinsamkeiten mit ihr betont Drohsel: "Da sind wir komplett beieinander“, sagt sie mehrmals, etwa als Korte die Bahnprivatisierung kritisiert. Er dagegen sagt, er sehe wenig Anknüpfungspunkte. Diese Distanz kann er sich leisten, in einer Forsa-Umfrage liegt seine Partei nur fünf Prozentpunkte hinter der SPD, bis zu den Wahlen im Saarland, bis zu möglichen Koalitionsbildungen ist noch Zeit. Die nutzt er heute für den maximalen Forderungskatalog: Nein zur Agenda 2010, sofort raus mit der Bundeswehr aus Afghanistan, keine Auslandseinsätze mehr.

Konvertiten und Zahnschmerzen

Seeliger verzieht derweil das Gesicht, als habe sie Zahnschmerzen. Wahrscheinlich ist Korte die Mensch gewordene grüne Angst, er ist von den Grünen zur Linkspartei gewechselt, "Konvertit“ nennt Seeliger ihn und sagt, ihre Partei hänge an Rot-Grün. Dahinter spürt man die Sorge, wie viele linke Parteien Deutschland verträgt. Es fällt die Zahl aus einer aktuellen Umfrage – 38 Prozent der Deutschen hätten kein Zutrauen in die soziale Marktwirtschaft. Dass es eine breite linke Strömung gibt, darin stimmen die drei Politiker überein, die Frage ist, wer sie abschöpfen wird. Fast kommt es zu einer Art Wettbewerb auf dem Podium: Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die linkeste im ganzen Land?

Den Willen zur Einheit verkörpert Drohsel, sie sieht die Zeit der Linken gekommen. "Als ich anfing“, sagt sie, "war der Mainstream gegen Links, nun wendet man sich gegen den Neoliberalismus.“ Drohsel denkt pragmatisch und deshalb mit der Linkspartei. Die Jusos hat sie hinter sich: Als einer aus dem Publikum die Niederlage der Hamburger SPD Andrea Ypsilanti in Hessen zu Last legt, wird er niedergebuht. Gegen den Vorwurf des SED-Erbes in der Linkspartei stellt sich Drohsel selbst: Auch die Jusos müßten ihr Verhältnis zur DDR aufarbeiten. Es scheint, als glaube Drohsel, ihre eigene Partei sei nur zu retten, indem sie die andere in Schutz nimmt.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben