ORTSTERMIN : Ein Fall für deutliche Worte

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Eine Buchvorstellung wie jede andere in der Hauptstadt ist es nicht, denn der Autor selbst kann nicht dabei sein. Nicht einmal seine Familie weiß, wo Michail Chodorkowski sich derzeit aufhält. „Wir fürchten, dass er schon auf dem Weg ins Lager ist“, sagt sein Sohn Pawel Chodorkowski. Stellvertretend für den Vater, dem er so ähnlich sieht, ist der 26-Jährige bei der Vorstellung des Buches „Briefe aus dem Gefängnis“ im Berliner Maxim-Gorki- Theater dabei. Ein Moskauer Berufungsgericht hatte die Haftstrafe gegen den wegen Unterschlagung und Geldwäsche verurteilten Ex-Unternehmer Chodorkowski von 14 auf 13 Jahre reduziert, das Urteil gegen den Kreml-Kritiker ist rechtskräftig. In welches Straflager er gebracht wird, haben die Behörden der Familie nicht mitgeteilt. Der frühere Chef des Ölkonzerns Jukos sitzt bereits seit 2003 im Gefängnis oder in einem Straflager in Sibirien.

Seitdem hat auch Pawel seinen Vater nicht gesehen. Der IT-Manager lebt in New York, aus Sorge um seine Sicherheit und auf ausdrückliche Bitte seines Vaters ist er nicht nach Russland zurückgekehrt. Nicht einmal telefonieren darf er mit dem Vater, den Kontakt hält er über Briefe. Doch das Private bleibt in dem Buch ausgespart, dokumentiert sind darin vor allem die Briefwechsel mit den Schriftstellern Ljudmila Ulitzkaja und Boris Akunin.

Noch etwas ist ungewöhnlich bei dieser Buchvorstellung: Die Lobrede auf einen Autor, den der russische Regierungschef Wladimir Putin als „Dieb“ bezeichnet hatte, der ins Gefängnis gehöre, hält die Bundesjustizministerin. „Ich bin voller Bewunderung für seine Stärke, seine Haltung und die Art und Weise, wie Michail Chodorkowski mit seinem Schicksal umgeht“, sagt Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Den Fall Chodorkowski und das Vorgehen der Justiz gegen Jukos hat sie seit 2005 verfolgt, damals noch für die Parlamentarische Versammlung des Europarates. Auch als Ministerin will sie nicht nur auf stille Diplomatie setzen: „Der Fall Chodorkowski ist ein Fall für deutliche Worte.“ Leutheusser-Schnarrenberger sagt etwa, Chodorkowski sei „selektiv “ von der Justiz verfolgt worden. An ihn seien Maßstäbe angelegt worden wie an sonst keinen anderen Konzernchef.

Vom Unternehmer habe sich Chodorkowski zum „Verteidiger von Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit“ gewandelt. Die Ministerin kritisiert die „Absurdität der Vorwürfe“ und rechtsstaatliche Mängel und spricht über die „Telefonjustiz“ - dem Richter wird mitgeteilt, welche Entscheidung zu treffen sei. Eine unabhängige Justiz gebe es in Russland nicht. Eigentlich müsste es zu Änderungsprozessen in Russland ermuntern, wenn Präsident Dmitri Medwedew selbst den „Rechtsnihilismus“ im Land anprangere. „Aber wir warten.“ Chodorkowskis Sohn sagt, auf Medwedews Äußerungen seien keine Taten gefolgt. „Im heutigen Russland gibt es keinen Grund für die Hoffnung auf Rechtsstaatlichkeit.“ Sein Vater würde nur freikommen, wenn sich die politische Situation im Land ändere – oder wenn es für die Regierung von Vorteil sei. Für das internationale Interesse am Fall Chodorkowski ist er dankbar. „Das rettet das Leben meines Vaters im Gefängnis.“

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