ORTSTERMIN : Ein Flirt mit Grün

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Vor seinem Platz hängt ein Transparent, das sonst eher auf Kühltürmen von Atomkraftwerken zu sehen ist. Die Umweltorganisation Greenpeace, bekannt geworden durch ihre spektakulären Protestaktionen, hat EU-Energiekommissar Günther Oettinger für eine Veranstaltung gewonnen. Der CDU-Politiker findet selbst nichts dabei und nennt die Gruppe mit den unkonventionellen Methoden „eine respektable Organisation“.

Bei Oettingers Brüsseler Auftritt am Donnerstag geht es um eine von Greenpeace vorgestellte Klimastudie. Die Studie sei „seriös und frei von Ideologie“, lobt der Kommissar. Die Untersuchung will belegen, dass Europas Energieversorgung bis zum Jahr 2050 fast komplett auf fossile Rohstoffe und die Kernkraft verzichten kann. 92 Prozent des gesamten Verbrauchs könnten in 40 Jahren aus erneuerbaren Quellen stammen, lautet das Ergebnis der Untersuchung. Oettinger dankt für die Studie, die die Umweltorganisation beim Institut für technische Thermodynamik des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Auftrag gegeben hatte, und spricht von einer „Steilvorlage für meine Arbeit“.

Die besteht derzeit auch darin, eine EU-Energiestrategie bis zum Jahr 2050 zu entwerfen. Und ehe Oettinger sie nächstes Frühjahr präsentiert, versorgen Interessengruppen und Experten seine Beamten mit Stoff – am Vortag ist das Bundesumweltamt dran gewesen. Da sei die Greenpeace-Studie eine unter vielen, schränkt Oettinger dann doch ein. Schließlich gebe es da den einen oder anderen Kernkraftwerksbesitzer, der seinen eben gebauten Meiler noch 40 Jahre betreiben wolle.

Der Auftritt erregt dennoch Aufsehen – auch weil er zu einer ganzen Reihe von Äußerungen und Initiativen des Kommissars aus der jüngeren Vergangenheit passt: Vor wenigen Wochen hat Oettinger strenge Regeln für den Import von Biosprit erlassen. Und in der zurückliegenden Woche hat er in einer Rede vor dem Europaparlament in Straßburg strengere Auflagen für die europäischen Mineralölkonzerne gefordert. Ist Günther Oettinger, der als baden-württembergischer CDU-Ministerpräsident nie einen Hehl aus seiner Unterstützung für die Kernkraft machte, also auf dem Weg, ein Grüner zu werden?

Die Frage amüsiert Rebecca Harms, Fraktionschefin der Grünen im Europaparlament. „Oettinger und Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle sind in Brüssel die beiden Deutschen, die für einen Zeitraum, in dem sie Verantwortung tragen, ehrgeizige und verbindliche Klimaziele blockieren“, sagt sie.

Das würde Oettinger vermutlich so nicht auf sich sitzen lassen. Nur in einem Punkt gibt er Rebecca Harms recht. „Nein“, sagt er nach seiner Visite bei Greenpeace, „ich bin kein Grüner.“

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