ORTSTERMIN : Eine Vision für Haiti

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So eng war es am Tisch in der Residenz des US-Botschafters Philip D. Murphy zum Abendessen noch nie. Zu Ehren des Botschafters von Haiti, Jean-Robert Saget, hatte das Botschafterpaar eingeladen – es kamen so viele, dass das Protokoll meisterlich decken musste, um alle an der langen Tafel unterzubringen. Viele Länder hatten nach dem Beben am 12. Januar Hilfe zugesagt, die Botschafter kamen nun zusammen, zum Teil aus Ländern, die selbst unter Beben gelitten haben wie Japan, Pakistan oder Chile. Es sollte kein Small-Talk-Abend bei Seeteufelfilet werden, Murphy führte eine straffe Diskussionsliste, um zu erfahren, was Haiti jetzt wirklich brauchen kann.

Saget wünschte sich vor allem private Investitionen. „Die Haitianer wollen arbeiten“, sie wollten nicht alles geschenkt haben. Früher habe es gute Kontakte zu deutschen Elektrotechnikfirmen gegeben, der arbeitsintensive Teile-Zusammenbau habe 100 000 Arbeitsplätze bedeutet. Wer in China investiere, könne das auch in Haiti tun. „Wir sind näher“, warb Saget um privates Geld für Langzeitjobs. Inzwischen orientieren sich viele Haitianer gen USA, wie er zum Beispiel an den Namen festmachte. „Früher hießen viele Kinder Fritz oder Winfried, heute heißen sie Nixon oder Clinton.“

Über den richtigen Weg beim Aufbau gab es durchaus unterschiedliche Auffassungen. Ecuadors Botschafter Horacio Sevilla-Borja mahnte, die Haitianer selbst entscheiden zu lassen, wie die Gelder eingesetzt werden, ein anderer warnte, nicht nur an die vom Beben heftig betroffenen Städte wie Port-au-Prince, Leogane oder Jacmel zu denken, sondern auch an den Rest des Landes, um nicht eine weitere Spaltung der Gesellschaft voranzutreiben. Johannes Gerster, Ehrenpräsident der Helfer und Förderer des Technischen Hilfswerks (THW), geht alles viel zu langsam. „Die Regierung Haitis ist überfordert“, sagte er. Damit die Menschen Fortschritte sähen, sollten 200 internationale Aufbauhelfer unter THW-Beteiligung rasch 3000 Häuser bauen. Die Probleme mit den Eigentumsverhältnissen ließ er außen vor. Pakistans Botschafter Shahid Kamal berichtete von den Erfahrungen seines Landes nach dem Beben vor fünf Jahren in den Bergen. Wenn die Menschen sähen, dass es zu Hause wieder aufwärts gehe, kämen sie zurück, in den Bergregionen lebten heute wieder so viele Menschen wie vor der Katastrophe, sie zögen nicht alle in die Städte – und viele Schulen seien heute besser als früher.

Botschafter Murphy versuchte, seinen Kollegen Saget für ein langfristiges Ziel zu begeistern. Eine Vision Haiti 2016 oder 2020 wäre doch eine prima Sache, so wie die USA gern eine Fußballweltmeisterschaft ausrichten würden, auf einem solchen Weg komme auch wirtschaftlich vieles in Gang. Darauf reagierte Saget allerdings eher zögerlich.

Auch Murphy-Tochter Emma verfolgte die Diskussion. Gegen Ende erzählte sie, sie wollte mehr von den Menschen in Haiti hören. Mit ihren Schulfreundinnen hat sie für die Bebenopfer gesammelt, aber doch keins von ihnen gekannt. In diese Aktion hat sie nach den Worten ihrer Mutter Tammy zwei Monate ihrer Freizeit investiert.

Murphy stellte schließlich eine Nachfolgerunde im nächsten Jahr in Aussicht. Direkt in der Krise seien immer alle da, aber es sei wichtig, dass einem die Freunde auch noch nach drei oder sechs Monaten und in einigen Jahren zur Seite stünden. Für den apostolischen Nuntius und Doyen des diplomatischen Korps, Jean-Claude Perisset, war es eines der besten Diplomatendinner seiner Laufbahn – denn „es war konstruktiv“.

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