Ortstermin : Einer gibt Gas

Wie hieß noch der amtierende Kanzler in der Zeit, als Griechenland sich in den Euroraum schummelte? Sebastian Bickerich über Altkanzler Schröder und die Euro-Krise.

Sebastian Bickerich

Kanzlerschaft und Außenpolitik – in diesen griechischen Tagen will dieses Wortpaar nicht recht zusammenpassen. Kanzler Kohl wusste es, als er bei seiner Geburtstagsfeier ungewohnt offen die Hinhaltetaktik seiner Nachfolgerin kritisierte, Kanzler Schmidt wusste es, als er schon vor einiger Zeit beklagte, in der Griechenland-Krise habe „niemand rechtzeitig die Führung ergriffen“. Natürlich ließ es sich da auch Kanzler Schröder nicht entgehen, den bereitliegenden Ball auf dem Elfmeterpunkt zu versenken. Kanzler kritisiert Kanzlerin: Die Art und Weise, wie Angela Merkel sich gerade auf europäischer Ebene versuche, sei „zögerlich“, beklagte Gerhard Schröder bei einer Grundsatzrede in der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin, und überhaupt: Europa schöpfe seine Potenziale nicht aus, schon auf dem Klimagipfel in Kopenhagen sei die Union vom Rest der Welt „vorgeführt“ worden – und eine Wirtschaftsregierung innerhalb der EU nach all den Krisen dringend überfällig.

Vor allem aber, das bildet den Überbau seiner Rede, müsse Europa auf Russland zugehen. Nur eine Assoziierung mit der EU schaffe wirkliche Sicherheit in Europa, dozierte Schröder und forderte eine engere Zusammenarbeit in der Infrastruktur, bei Visa-Regeln, im Freihandel, allen voran aber in der Wirtschaft. Wolle Europa im globalen Wettkampf mit den USA und China langfristig bestehen, müsse es vom Zugriff auf die enormen Ressourcen Russlands profitieren. Moskaus Führung habe der Korruption den Kampf angesagt, behauptete Schröder – und sie wisse, dass westliches Kapital ein verlässliches Rechtssystem brauche.

Spätestens jetzt rieb sich der eine oder andere Zuhörer die Augen. Wer spricht da eigentlich? Wie hieß noch der amtierende Kanzler in der Zeit, als Griechenland sich in den Euroraum schummelte? Wie hieß der Mann, der gemeinsam mit Frankreichs Staatschef die Maastricht-Kriterien aufweichte, statt sie zu stärken – und eine Wirtschaftsregierung nicht recht zustande brachte?

Zur Selbstkritik sieht ein gestandener Kanzler selbstredend keinen Anlass, und natürlich findet in der Ebert-Stiftung auch die Tatsache keine Erwähnung, dass Gerhard Schröder für ein Unternehmen arbeitet, das sich um die Bereitstellung von Gas aus Russland für Europa kümmert. Und doch gibt es einen Moment an diesem Abend, eine Art Freudschen Versprecher, an dem die Glaubwürdigkeit des Redners doch recht gewichtig in Frage gestellt wird. Es ist nicht der Moment, als Schröder Georgien und die Ukraine für nicht-nato-tauglich erklärt und damit zum Freiwild für russische Interessen macht. Es ist auch nicht sein beharrliches Schweigen zu den Menschenrechtsverletzungen seiner Freunde in Moskau oder sein Werben für die russische Idee eines europäischen Sicherheitssystems, das die Nato aushöhlen würde. Nein, es ist der Moment, als er die Krise der russischen Wirtschaft zu einer kurzfristigen erklärt, zu einer Art kurzen Erkältung, um dann hinzuzufügen: „Wir werden auf den Wachstumspfad zurückkehren.“ Wir?

Kanzlerschaft und Außenpolitik – es will nicht recht zusammenpassen. Auch an diesem Abend nicht.

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