ORTSTERMIN : Erholung vom Euro-Dschungel

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Ausgezeichnet. Merkel mit Preis. Foto: dpa
Ausgezeichnet. Merkel mit Preis. Foto: dpaFoto: dpa

Der zukünftigen Akademie des Jüdischen Museums merkt man ihre Vergangenheit als Blumengroßmarkt kaum noch an. Boden und Wände sind hell verkleidet, festlich weiß gedeckt sind die Tische für 850 hochrangige Gäste, darunter US-Senator Frank Lautenberg und die ehemalige israelische Außenministerin Zipi Livni. Direktor Michael Blumenthal überreicht der Bundeskanzlerin an diesem späten Montagabend den Preis für Verständigung und Toleranz. In seiner Laudatio betont Blumenthal, dass in der DDR von Israel immer nur vom „zionistischen Gebilde“ gesprochen worden sei. Es sei deshalb besonders bemerkenswert, dass sich Angela Merkel im Jahr 1990 hinter das Schuldbekenntnis der ersten frei gewählten DDR-Volkskammer gegenüber den Juden gestellt habe und hinter die Entschuldigung für die offizielle DDR-Politik gegenüber Israel. Auch Merkel sei ein Mensch mit Migrationshintergrund, sagt Blumenthal. In gewisser Weise erinnere sie ihn an Barack Obama. Wie der US-Präsident komme auch Merkel nicht aus dem Establishment.

In ihrer Dankesrede gibt Angela Merkel die souveräne Kanzlerin, die sich auf vertrautem Terrain bewegt. Sie nutzt die Chance, mit ihrer Biografie zu punkten, gerade hier vor internationalem Publikum, für das sie gewissermaßen symbolisch das Happy End des Kalten Krieges und eine neue Unbegrenztheit der Möglichkeiten auch in Deutschland darstellt. Nach bester amerikanischer Sitte beginnt Merkel mit einer Anekdote. Als sie junge Wissenschaftlerin war, habe es keine diplomatischen Beziehungen zwischen der DDR und Israel gegeben, nicht einmal Postverkehr. Um an die wissenschaftlichen Veröffentlichungen der israelischen Kollegen heranzukommen, habe sie immer Amerikaner bitten müssen, ihr diese zu schicken. Und bei dieser Gelegenheit wolle sie sich noch mal ganz herzlich für die Unterstützung bedanken. Begeisterter Beifall, Erholung vom Euro-Dschungel.

Dann unterstreicht Merkel die tiefe Verbundenheit mit Israel, die gemeinsamen Werte. Sie hat auch beklemmende Zahlen dabei: Fast 20 Prozent der Deutschen glaubten, Juden hätten zu viel Einfluss in der Politik – es gibt für die künftige Akademie also noch viel zu tun.

Am Schluss wird doch noch etwas vom Druck der Tagespolitik spürbar. Auf Merkel wartet noch viel Arbeit, die Musikliebhaberin entscheidet sich aus dem langen Festprogramm also fürs Konzert und lässt das Dinner ausfallen. Auf dem schnellen Weg nach draußen schreitet sie eine stehende Ovation ab. Dann werden die Vorspeisen aufgetragen.

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