ORTSTERMIN : Erkundungen im Salzbergwerk

16.09.2010 22:22 UhrVon Dagmar Dehmer
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Die Mauer ist mindestens noch mal einen halben Meter höher als die Berliner Mauer. Oben drauf ist ganz frisch neuer Nato-Draht gewickelt worden. Das Erkundungsbergwerk in Gorleben ist gut geschützt. Direkt hinter dem grün gestrichenen Stahlrolltor stehen mehrere Dutzend Baucontainer. Gorleben bereitet sich auf den nächsten Castor-Transport im November in das benachbarte Zwischenlager vor. Die Container sind für die Polizisten, die den Transport schützen sollen. Der äußere Zaun des Geländes zeugt noch von den Abrüstungsbemühungen des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS) während des zehn Jahre währenden Erkundungsmoratoriums in Gorleben.

Er ist nur halb so hoch und ohne Stacheldraht.

Gegen 10.30 Uhr trifft der Bus mit den 15 Mitgliedern des Gorleben-Untersuchungsauschusses ein, der sich vor Ort ein Bild von seinem Untersuchungsgegenstand machen will. Im Infozentrum des BfS, dessen Scheiben offenbar mit einem Vorschlaghammer zertrümmert worden sind, geben Ausschussvorsitzende Maria Flachsbarth (CDU) und die Obleute der Parteien erste Statements ab. Reinhard Grindel hat schon auf dem Weg in die Infostelle seine Parteifreundin regelrecht vor sich her geschubst. Jetzt wippt er ungeduldig vor und zurück und fragt: „Willst Du zuerst?“ Flachsbarth antwortet leicht genervt: „Als Ausschussvorsitzende wäre das wohl angemessen.“ Dann fährt der Ausschuss ins Salzbergwerk ein. Dort lassen sich die Abgeordneten von den Fachleuten der beiden Entsorgungs-Tochterunternehmen der Atomkonzerne und der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe den Stand der Erkenntnisse berichten, und nahezu übereinstimmend finden sie, „dass wir noch erstaunlich wenig wissen“.

Am späten Nachmittag bekommen die Obleute und Maria Flachsbarth es dann jedoch mit den Leuten zu tun, die eines genau wissen, nämlich „dass jeder Marktplatz in Süddeutschland für ein Atomendlager so gut geeignet ist wie Gorleben“, wie Kerstin Rudek von der örtlichen Bürgerinitiative sagt. Die Aktivisten haben die Abgeordneten ins Schützenhaus nach Dannenberg eingeladen, damit sie einen Eindruck von der Stimmung bekommen. Und die steht in etwa 300 zu drei – letztere sind die Vertreter der Regierungskoalition aus dem Ausschuss. Sie haben sich in die Höhle des Löwen getraut. Grindel führt sich mit dem Satz ein: „Ich bin der einzige Mann. Das ist ja offensichtlich.“ Allerdings hat ihm gerade der stellvertretende Landrat von Lüchow-Dannenberg, Martin Donat, das Wort erteilt, was Grindel noch im Sprechen auffällt. Darauf murmelt er, er sei bereit, Donat auch als Mann anzusehen. Der Saal lacht schallend. Es sollte das einzige Mal bleiben. Den Rest des Abends müssen Grindel, Flachsbarth und Angelika Brunkhorst (FDP) damit leben, dass ihre Wortmeldungen in wütendem Geraune oder in höhnischen Zwischenrufen untergehen. Grindel sagt nach der Debatte abgeklärt: „Eigentlich hatte ich es mir schlimmer vorgestellt.“

Angelika Brunkhorst sieht das weniger gelassen. Sie merkt in ihrem Schlusswort an: „Wir haben ja einiges eingesteckt.“ Vor allem sie. Denn Matthias Edler von Greenpeace hat sie gefragt, wie denn die FDP zu Enteignungen stehe. Er spielt damit auf den Plan der Regierung an, diejenigen, die dem Bund für die weitere Erkundung des Salzstocks in Gorleben ihre Salzrechte nicht freiwillig überlassen wollen, über eine neue Klausel im Atomrecht zu enteignen. Brunkhorst murrt: „Da haben Sie ja eine raffinierte Frage gestellt.“ Ansonsten verzichtet sie aber auf eine klare Antwort: „Es gibt keine Frage, die ich mit ja oder nein beantworte.“

Ute Vogt (SPD), Dorothee Menzner (Linke) und Sylvia Kotting-Uhl (Grüne), die im Alltag des Gorlebenausschusses kaum einmal einen Redebeitrag ohne einen Zwischenruf von Grindel zu Ende bringen können, haben im Schützenhaus ziemlich leichtes Spiel. Als Kotting-Uhl sagt, der Rahmenbetriebsplan für die Erkundung habe mit der Realität nahezu nichts zu tun, jubelt der Saal. Vom 1. Oktober an, das hat der niedersächsische Umweltminister Heinrich Sander (FDP) am Donnerstag angekündigt, soll nach eben diesem Rahmenbetriebsplan aus dem Jahr 1983 die Erkundung in Gorleben fortgesetzt werden. Marianne Fritzen, die als „Mutter des Widerstands“ in Gorleben gilt, stellt am Ende fest: „Die Fronten sind heute genauso verhärtet wie vor 30 Jahren.“

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