ORTSTERMIN : EuropäischeLehrstunde

Nach dem Zufallsprinzip wurden sie ausgewählt, die 350 Frauen und Männer, die sich in Berlin versammelt haben. Einige sind noch beim Mittagessen, die Raucher stehen schon draußen vor dem Ludwig-Erhard-Haus. Einige Junge sind dabei, die meisten aber über 40, deutscher Durchschnitt eben. Gleich wird die Kanzlerin vorbeikommen, um zu hören, worüber sie am Vormittag diskutiert haben.

Albrecht Meier

Vielleicht fühlt sich der eine oder andere Teilnehmer des „Bürgerforums Europa“ an eine dieser Jugendfreizeiten erinnert, bei der man sich zunächst auch entscheiden muss, bei welchem Thema man mitmacht. Hier heißen die Arbeitsgruppen „Demokratie in Europa“, „Europas Binnenmarkt“, „soziales Europa“ oder „Europas Ressourcen“. Die Heinz-Nixdorf-Stiftung und die Bertelsmann-Stiftung haben den Teilnehmern aus ganz Deutschland dieses Forum zur Verfügung gestellt. Bis Ende April, beim Abschlussplenum im ehemaligen Bundestag in Bonn, sollen sie ein Bürgerprogramm für Europa erarbeiten. Es soll, so wünschen es sich die Veranstalter, dazu beitragen, die Kluft zwischen Europa und seinen Bürgern zu verringern.

Als die Kanzlerin kommt, gibt es freundlichen Beifall. Ruth Lewon, Chef-Stewardess aus Aschaffenburg, sagt, dass sie froh sei über den Wegfall der Grenzkontrollen und „das ganze Gedöns von früher“. Die Kanzlerin will von ihr aber auch wissen, ob es Punkte gibt, die ihr an der EU missfallen. Als dann das Stichwort von den inzwischen wieder abgeschafften EU-Vorschriften zur Gurkenkrümmung fällt, sagt Merkel: „Mmh, genau.“ Der Saal lacht, die Kanzlerin erklärt, dass häufig innerhalb der EU der Wunsch nach übermäßiger Normierung – beispielsweise bei der Größe von Traktorensitzen – von Deutschland ausgehe.

Dann geht es hinüber an einen ringförmigen weißen Tisch, an dem die Regierungschefin mit acht Teilnehmern weiterdiskutiert. Zunächst einmal werden die Forderungen aus den Arbeitsgruppen zusammengefasst, Merkel schreibt mit. Die 18-jährige Julia Egel aus dem fränkischen Weißenburg, die jüngste Teilnehmerin, verlangt, dass sich die EU als ein „ernstzunehmender Weltpartner“ präsentiert. Wenn man die Forderungen der Männer und Frauen an diesem Tisch zum Gradmesser nimmt, dann scheinen sich die meisten Teilnehmer eher verstärkte europäische Lösungen angesichts der zahlreichen politischen Probleme zu wünschen. Zum Schluss stellen sie noch direkte Fragen an Merkel, zum Beispiel was die Bundesregierung tue, um die „unerträgliche Situation“ an den EU-Außengrenzen zu verbessern. Die Regierungschefin weist auf die deutsche Entwicklungspolitik hin und erklärt, dass EU-Mitglieder wie Malta technische Hilfe bei der Grenzsicherung bekämen.

Als Merkel schon weg ist, stehen die Diskutanten an dem Ringtisch noch zusammen. Eine Frau zieht Manöverkritik: „Wir hätten unsere Fragen gleich am Anfang stellen sollen.“ Albrecht Meier

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