ORTSTERMIN : Frau, gläubig, links, trifft Mann, gläubig, nicht rechts

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Generalsekretäre sind Terrier ihrer Parteien, die Kerle fürs Grobe. Generalsekretär sein, das kann man lernen und hoffentlich nach Ende der Amtszeit auch wieder vergessen. Heiner Geißler und Ruprecht Polenz zum Beispiel haben die Kurve gekriegt. Dass man die Generalsekretäre von CDU und SPD über das Christentum als Fundament ihres Politikverständnisses diskutieren lassen kann, funktioniert nur schwer. Da droht Heuchelei.

Andreas Nahles, Angriffsspitze der SPD, und Hermann Gröhe, linker Mittelstürmer der Union, sind zwei, mit denen man es wagen kann. Beide sind auf angenehme Weise unverbildet. In beiden verbindet sich sympathische Bodenständigkeit mit uneitler Wachheit für moralische Kategorien. Beide wissen, dass sie im Amt Rollen spielen müssen und wollen sich dennoch nicht verbiegen lassen. Eingeladen hatte sie die „Benedictus Stiftung“, von Eberhard von Gemmingen und Abtprimas Notker Wolf als „Diskussionsplattform für christliche Werte in der modernen Welt“ gegründet.

Der China-Club hat weder mit christlichen Werten noch mit der modernen Welt viel zu tun, aber ist zweifellos einer der begehrten Treffs der Stadt. So kam denn auch ein Publikum, das die Platzierung des Ortes auf der Muss-man-gewesen-sein-Skala kennt, wohlsituiert, stehempfanggestählt, eher neugierig als extrem politikinteressiert, wenn man von Persönlichkeiten wie dem 80-jährigen, früheren Minister und Menschenrechtler Christian Schwarz-Schilling absieht.

Die Katholikin Andrea Nahles sagt an diesem Abend, dass sie bis zur Veröffentlichung ihres Buches „Frau, gläubig, links“ nie gefragt worden sei, was sie bewegt. Ganz selbstverständlich habe sie jeder für eine Atheistin gehalten. Und der Protestant Hermann Gröhe stellt seine Position so dar – Mann, gläubig: ja – rechts: nein. „Ich glaube an einen persönlichen Gott“, bejaht er eine Frage, und Frau Nahles stimmt ihm da sofort zu: Natürlich rufe sie Gott an, in Leid und Freud. Die Sozialdemokratin Andrea Nahles ist im eher gottlosen Berlin von der Erfahrung geradezu beglückt, dass die junge Generation nach ihrer Beobachtung wieder zur Kirche zurückkommt, und Christdemokrat Hermann Gröhe dankt, „dass ich in diesem Land ohne Angst meinen Glauben bekennen darf“.

Als Moderator Markus Spieker, der mit den beiden die Seligpreisungen der Bergpredigt und ihre Spiegelung im politischen Alltag bespricht, sie fragt, wie sie mit Verfolgung oder Häme umgingen, antworten sie unabgestimmt-einig: Jetzt sei die Zeit, sich einzubringen, und beide reden sehr still von Gelassenheit und davon, dass der Tod nicht das letzte Wort über ihr Leben habe.

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