ORTSTERMIN : Frauen machen keine Geschichte

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„Machen Männer die Geschichte?“ Das geflügelte Wort – ohne Fragezeichen - stammt von einem, der davon überzeugt war, dem deutschnationalen Historiker Heinrich von Treitschke. Der brachte es nicht nur mit diesem Satz, sondern auch mit einem anderen („Die Juden sind unser Unglück“) als Frontmann des bürgerlichen Antisemitismus im Kaiserreich zu unschöner Berühmtheit. Die Art Männergeschichte, von der gerade der Fall Strauss-Kahn kündet, wäre ihm zudem schnuppe gewesen. Aber auch der Deutsche Bundestag scheint davon überzeugt zu sein, dass history nun einmal nicht zufällig nicht herstory heißt: Alle fünf Gedenkstiftungen jedenfalls, die das Parlament in mehr als 60 Jahren einrichtete, sind Männern gewidmet. Was für den ersten Bundeskanzler Adenauer und den ersten Bundespräsidenten Heuss in der Sache wenig verwundert, für die letzten Gründungen freilich schon: Als der Bundestag Friedrich Ebert eine Stiftung spendierte, hatte die Frauenbewegung das Land schon durchgepflügt. Der Gründungsakt für die Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung und die für Otto von Bismarck fielen 1994 und 1997 bereits mitten in den Postfeminismus.

Die Chefs der fünf bundesfinanzierten Stiftungen können zur Frauenfrage wenig sagen, das ist schließlich Sache des Souveräns. Der Treitschke-Satz freilich sei heute nur noch mit einer Portion Ironie zu vertragen. Die Männer – „natürlich machen sie nicht Geschichte“, sagt Thomas Hertfelder von der Stuttgarter Heuss-Stiftung. Für ihn und seine Kollegen seien große Persönlichkeiten aber ein guter Zugang zur Geschichte in einem weiteren Sinne. „Wir stellen die Personen in die Geschichte“, ergänzt Walter Mühlhausen von der Heidelberger „Stiftung Reichspräsident Friedrich-Ebert-Gedenkstätte“. In den fünf Geehrten fänden sich Grundströmungen der deutschen Politik gut abgebildet, das Nationale ebenso wie das Demokratische, Liberalismus, Sozialismus oder Konservatismus. Und anders als im Ausland, bei den US-„Presidential Libraries“ etwa, die es für jeden gewesenen Präsidenten gebe, garantiere hierzulande das Geld vom Staat auch kritische Arbeit an den großen Köpfen: „In der Kennedy Library werden sie Marilyn Monroe nicht finden. Bei uns würden sie“, sagt Mühlhausen.

Bleibt die Frauenfrage. Nein, sagen die Stiftungschefs, es gebe bisher keine Initiative zu mehr Gendering im Geschichtsbild des Bundestags. Vielleicht hat man die Sache dort einfach verschlafen? Ein wenig jedenfalls klingt so die Reaktion der Grünen-Spitze: „Inszenierter Personenkult ist nicht unsere Sache“, sagte Parteichefin Claudia Roth dem Tagesspiegel. Eine Wackersdorf- oder Mutlangen-Stiftung als Denkmal für die Bürgerbewegungen fände sie schöner. Dabei könnten doch die Grünen, die schon für ihre Parteistiftung nach heißen Kämpfen einen Männernamen – Heinrich Böll – wählten, die historische Mission erfüllen, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Die erste Frau und eine bisher nicht abgebildete Grundströmung, die Ökologie, die inzwischen sogar die CSU erfasst hat. Wie wär’s mit Petra Kelly? mit hmt

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