ORTSTERMIN : FU-Geschichte, türkischer Teil

Ex-Verfassungsgerichtspräsidentin Limbach erinnert an ihren Lehrer Hirsch

Andrea Dernbach

Sie halfen beim Aufbau und sie hatten zuvor vielen deutschen Intellektuellen Schutz vor der NS-Verfolgung geboten. Die Rolle der USA für den Wiederaufbau der deutschen Universitäten nach 1945 ist gerade jetzt, zum 60. Geburtstag von Berlins Freier Universität, wieder Gegenstand von Gedenken und Festschriften. Im kleinen Hörsaal 3 des Fachbereichs Rechtswissenschaft der FU wurde in dieser Woche an ein anderes Land erinnert, das als Aufnahmeland deutscher Gelehrter zwischen 1933 und 1945 eine „mindestens ebenso große Rolle“ gespielt hatte, so Uni-Vizepräsidentin Ursula Lehmkuhl: Die Türkei hatte mehr als 160 deutsche Professoren, Intellektuelle und Künstler aufgenommen, etwa den Ökonomen Alexander Rüstow, den Komponisten Paul Hindemith, den Romanisten Erich Auerbach und den späteren Regierenden Bürgermeister von Berlin Ernst Reuter, der seit 1938 in Ankara Städtebau lehrte. Dies alles sei ebenso wie der akademische Einfluss türkischer Exilwissenschaftler auf Nachkriegsdeutschland „kaum in unserem kollektiven Gedächtnis verankert“.

Anlass für die kleine Feierstunde im Hörsaal 3 war die Wiederauflage der Memoiren eines dieser Emigranten: Ernst Eduard Hirsch, damals frisch habilitiert und Landgerichtsrat in Frankfurt am Main, war schon 1933 emigriert. Der „Judenboykottag“ im April 1933, vor allem aber die laue Reaktion seiner „arischen“ Kollegen auf seine Entlassung, hatte dem 31-Jährigen vor Augen geführt, dass er keine Zeit verlieren durfte. Fast zwei Jahrzehnte lehrte Hirsch in Istanbul und Ankara und kehrte erst 1952 auf Bitten von Ernst Reuter nach Deutschland zurück, um an der jungen FU die Professur für Bürgerliches und Handelsrecht zu übernehmen. Er sei ungern gegangen, sagte sein Sohn Enver Hirsch. Erst kurz zuvor war er, der Emigrant, während einer Gastdozentur in München, der feindseligen Herablassung der Kollegen ausgesetzt.

Jutta Limbach, als frühere Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts seine in Deutschland wohl berühmteste Schülerin, erinnerte nicht nur an einen strengen, originellen und energiegeladenen Lehrer, sondern auch an erste Erfahrungen mit einem Menschen, der in zwei Kulturen lebte und bis zum Lebensende seine türkische Staatsbürgerschaft behielt: In Hirschs Sonntagsrunden mit deutschen und türkischen Kollegen und Schülern „war Interkulturalität, die wir jetzt alle so mühsam lernen, eine Selbstverständlichkeit“. Die FU verließ Hirsch verbittert während der Studentenbewegung 1967. „Er hatte den Eindruck, dass sich etwas wiederholte“, sagt Limbach. „Wir haben ihm widersprochen. Erst als wir mehr erfuhren über den Nationalsozialismus, konnten wir uns vorstellen, wovor er Angst hatte.“

In der Türkei ist Hirsch als Autor unter anderem des Handelsgesetzbuchs und des Rechtswörterbuchs auch 23 Jahre nach seinem Tod ein Begriff. Die jetzt auf Deutsch wiederaufgelegten Memoiren „Als Rechtsgelehrter im Lande Atatürks“, deren deutsche Restauflage vor Jahren eingestampft wurde, erlebten in der Türkei zehn Auflagen. Und wenn demnächst in Istanbul die deutsch-türkische Universität gegründet wird, sagte Rechtsprofessor Philip Kunig, werde man Hirschs Erbe auch „institutionell auf eine neue Ebene“ führen können. Andrea Dernbach

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