Ortstermin : Für Kanzlerin und Kandidaten

Hans Monath über den vorerst letzten Auftritt von Vizeregierungssprecher Thomas Steg vor der Bundespressekonferenz. Die Kanzlerin muss sich nun mit dem Sprecher der Gesundheitsministerin, Klaus Vater, als Steg-Ersatz behelfen.

Hans Monath
Steg_Vater Foto: dpa
Thomas Steg (l.) und Klaus Vater. -Foto: dpa

Es ist sein letzter Auftritt vor der Bundespressekonferenz bis nach der Bundestagswahl und ein ganz besonderer dazu: Vier Jahre lang hat der Sozialdemokrat Thomas Steg als stellvertretender Regierungssprecher die Politik von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erklärt und verteidigt, bald wird er ihren Herausforderer Frank-Walter Steinmeier (SPD) im Wahlkampf gegen die Ex-Chefin beraten. An diesem Mittwoch, seiner 360. Regierungspressekonferenz, versucht Steg deshalb das ganz große Kunststück: Er will für beide Politiker sprechen.

Aber zuerst kommt die Pflicht, das übliche Referat des Regierungssprechers über die Beschlüsse des Bundeskabinetts, die an diesem Tag denkbar unspektakulär klingen. Nach fünf Minuten erlaubt sich Steg die erste persönliche Anmerkung. Gerade hat er den „Bericht zur Strategie der Bundesregierung zur Internationalisierung von Wissenschaft und Forschung BMFB“ vom Sprechzettel abgelesen, als er laut und erkennbar ironisch seufzt: „Zwei Zeilen, sieben Substantive, so was wird mir fehlen.“

So gut hat der ehemalige Schröder-Vertraute auch in den vier Jahren unter Kanzlerin Merkel seine Arbeit gemacht, dass manche Sozialdemokraten schon Verrat witterten. Dabei fühlt sich der 49-Jährige seiner Partei und ihrem Kanzlerkandidaten Steinmeier so stark verbunden, dass er mit seinen Fähigkeiten zur politischen Kommunikation nun helfen will, die miesen Umfragewerte der SPD von unter 25 Prozent aufzubessern bis zur Wahl. Dazu hat er sich beurlauben lassen vom Sprecherposten, was der Kanzlerin zwar nicht gefiel, was sie ihm aber persönlich offenbar keineswegs übel nimmt.

Kaum hat die Pressekonferenz die Sachthemen erledigt, steht die Frage an, welche Hinweise Steg dem Herausforderer über die Schwächen der Kanzlerin geben wird. Steg bittet um Verständnis, dass er seine Pläne nicht öffentlich ausbreiten will und stellt Kanzlerin und Vizekanzler im Wettbewerb auf eine Stufe: „Beide haben sich für den Sommer viel vorgenommen. Beide haben sich zum Ziel gesetzt, einen Gipfel zu erreichen.“ Der Kanzlerin habe er selbst zum Abschied nichts Schlechtes gewünscht. Und was den Kandidaten angehe: „Dem steht alles offen. Dass ihm zu helfen ist, davon können Sie ausgehen, das ist meine Absicht.“

Ungewohnt blass klingt das für einen Wortkünstler wie Steg, der sonst mit sichtbarer Freude einladende Interpretationsangebote macht und zugespitzte, zuweilen überraschende Formulierungen findet. Vielleicht ist es die Übergangssituation, die den Sprecher heute hemmt.

Aber er muss ja auch noch etwas Wichtiges loswerden, nämlich die Abschiedsworte für die Kanzlerin. Steg dankt für die „überaus vertrauensvolle, sehr intensive Zusammenarbeit und für die menschlich einmalige Behandlung, die ich erfahren habe“. Was immer an politischen Unterschieden gewesen sei und kommen werde: „Diese intensiven persönlichen und menschlichen Erfahrungen werden Bestand haben.“

Zu persönlichen, zu unfairen Attacken auf die Kanzlerin, so ahnt man bei diesen Worten, wird Steg den Kandidaten wohl nicht ermuntern. Die Kanzlerin übrigens muss sich nun mit dem Sprecher der Gesundheitsministerin, Klaus Vater, als Steg-Ersatz behelfen. Vertraut wird der ihr kaum noch werden. „Es war manchmal eine Gratwanderung“, hat Steg noch über seinen Job als Merkel-Sprecher gesagt. Schaut man auf die Lage der SPD, so steht er mit seiner Aufgabe bei Steinmeier nun nicht mehr auf einem Grat, sondern mitten in der Steilwand.

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