Ortstermin : Gott und das Gesetz

Paul Kirchhof treibt die Sorge um, dass "wir uns heute des Grundgesetzes viel zu sicher sind". Im vollen Senatssaal der Humboldt-Universität bekam Kirchhof viel Applaus, aber auch Stirnrunzeln.

Claudia Keller
Kirchhof
Paul Kirchhof -Foto: dpa

Berlin - Ein Freund habe ihm geraten, mindestens 100 Jahre alt zu werden. Denn mit über 100 sterben nur noch wenige. Statistisch gesehen. Paul Kirchhof, ehemaliger Bundesverfassungsrichter und bei der Bundestagswahl 2005 Angela Merkels Mann für Steuerfragen, erzählte diese Anekdote am Dienstagabend im vollen Senatssaal der Humboldt-Universität. Viele Zuhörer lachten erleichtert. Der hochgewachsene, schlanke und braun gebrannte Jurist hatte ihnen eine Stunde lang viel Konzentration abverlangt bei seinem sehr dichten Ritt durch die abendländische Ideengeschichte. Nun konnten sie sich entspannen. Kirchhof war wieder im Hier und Jetzt angekommen.

Er erwähnte die Hundertjährigen, um zu verdeutlichen, dass man sich nicht nur auf naturwissenschaftliche Kausalitäten verlassen dürfe. Auch wenn die freiheitliche demokratische Grundordnung von Bestand sein soll, brauche es mehr als naturwissenschaftliches Wissen und ökonomisches Kalkül. Es brauche die Religion und zwar die christliche, so Kirchhofs These. Die Hochschule hatte den Heidelberger Verfassungsrechtler eingeladen, die jährliche „Berliner Rede zur Religionspolitik“ zu halten. Vorredner waren unter anderem Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble und Verfassungsrichter Udo Di Fabio.

Paul Kirchhof treibt die Sorge um, dass „wir uns heute des Grundgesetzes viel zu sicher sind“. Die Verfassung gründe auf einer jahrhundertealten christlich geprägten Kultur und müsse neu verteidigt werden gegen ein rein auf Nutzen gerichtetes, säkulares Denken. Die Annahme, dass jeder Mensch eine unantastbare Würde besitzt, ergebe sich nicht aus Versuchsanordnungen im Labor, sondern sei eine Wertung. Sie beruhe auf der christlichen Überzeugung, dass Gott in Jesus Mensch geworden ist. „Wehe dem, der Ethos und Religion aus der Gesellschaft herausdrängt“, mahnte der 66-Jährige von der leicht erhöhten Bühne des Saales herab. „Das Fundament unserer Verfassung würde verkümmern.“ Der Staat verzichte auf ein religiöses Bekenntnis und begebe sich „in die Hand freiheitlicher Menschen“. Das gelinge nur, solange die Menschen bereit seien, sich an die christlich geprägten Werte zu halten.

Kirchhof bekam viel Applaus, aber auch Stirnrunzeln. Können also nur Christen gute Demokraten sein? Ob er nicht der Realität und der religiösen Vielfalt hinterherhinke, wollte ein junger Mann wissen. Hm. Kirchhof dachte einen Moment nach. Der Islam, aber auch der Buddhismus seien tatsächlich nicht so einfach mit unserer Verfassung kompatibel. Wie er aus seiner Mitarbeit an einem internationalen Wörterbuch christlicher Kulturbegriffe wisse, gebe es etwa im Türkischen kein Wort für Menschenwürde. Wenn die Idee der Menschenrechte derart christlich geprägt sei, wie könne sie dann universal gelten, gab ein anderer Zuhörer zu bedenken. Naja, Kirchhof nickte, ein gewisser Widerspruch sei das schon. „Wir halten an der Universalität der Menschenrechte fest, obwohl wir wissen, dass die Umsetzung ganz unterschiedlich ausfällt.“ Diese große Idee werde sich durchsetzen, davon ist Kirchhof überzeugt. Ist nicht die Hoffnung auch ein Menschenrecht?

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