ORTSTERMIN : In der Schlusskurve

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Die Stimmung ist so trüb das Wetter: „Wir sollen hier über etwas debattieren, das es noch gar nicht gibt“, mault ein Genosse. Draußen vor der Mehrzweckhalle nahe beim Stuttgarter Flughafen ist es neblig, nass und kalt. Drinnen gibt Andrea Nahles die Eintänzerin. Am Mittwoch soll der Koalitionsvertrag zwischen ihrer SPD und der Union unterzeichnet werden, danach werden die bundesweit 470 000 Parteimitglieder um ihr Votum gebeten.

Für die baden-württembergischen Genossen ist das alles noch weit weg. Trotzdem sind die Schwaben früh dran: In Leinfelden starten sie die Reihe von vier Regionalkonferenzen, mit der die Parteiführung ihre Basis von den Vorzügen des Mitregierens überzeugen will. Im Schwäbischen erst mit Nahles und der Parteilinken Hilde Mattheis, tags darauf im Badischen mit den Parteichefs Sigmar Gabriel und Nils Schmid. Die SPD wirft ordentlich Prominenz ins Rennen: auch Frank- Walter Steinmeier und Peer Steinbrück sollen noch im Südwesten auftreten. „Es hat ja nur Sinn, wenn auch die erste Garde dabei ist“, sagt ein Offizieller.

Es ist nur der kleine Saal der Filderhalle, und trotzdem bleiben viele Plätze leer. Die Stimmung der weniger als 200 Zuhörer ist schwer einzuschätzen. Sie wäre angesichts der gut 37 000 im Land eingeschriebenen SPD-Parteigänger wohl auch kaum repräsentativ. „Ihr seid die Wichtigsten in der SPD“, sagt Parteivize Leni Breymaier, „wir reden nicht nur von innerparteilichen Demokratie, wir leben sie.“ Nils Schmid, der Landesvorsitzende, hat das jüngst in seinem eigenen Stadtverband in Reutlingen erfahren – der lehnt die große Koalition rundweg ab.

Nahles weiß um die Schwierigkeiten dieser Versammlung: Man treffe sich, sagt sie, „bevor wir sagen können, was bei den Verhandlungen herauskommt, wir sind aber in der Schlusskurve“. Bis Mittwoch, verspricht sie, „darf es in den zentralen Feldern keine Prüfaufträge geben“. Zentral sei unter „zig anderen Themen“ das Kooperationsverbot bei der Bildung: „Ich weiß nicht, wie wir das am Ende hinkriegen.“ Grundskepsis sei deshalb auch die verständliche, angemessene Haltung der Basis, „aber wir sind ja noch mittendrin.“

Und dann bittet Nahles, dass die Aufschlitzmaschinen, die sie als Generalsekretärin für die Briefwahl gekauft hat und die 20 000 Umschläge in der Stunde öffnen könnten, genug zu tun bekommen. Dafür verspricht sie: „Wir kriegen am Ende in der Gesamtschau ’was hin, aber nicht in allen Punkten, die mir wichtig wären.“

„Schön“, antwortet ein Stuttgarter auf Nahles vorläufigen Katalog sozialdemokratischer Verhandlungserfolge, „das klingt wie erfolgreich verlaufene Tarifverhandlungen. Aber ich sage Ja zu Neuwahlen.“ Ein anderer fürchtet um die Partei als Ganzes: „Was können wir anders machen, dass wir 2017 nicht noch geschwächter aus der Großen Koalition herausgehen?“ Da fährt Nahles aus der Haut: „Mich stört der beknackte Angstkurs.“

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