ORTSTERMIN : Kleine Teilchen, große Visionen

von
Foto: dpa
Foto: dpaFoto: dpa

Vier Jahre lang haben Wissenschaftler, Unternehmen, Verbraucherschützer und ein Umweltverband über die Einschätzung der Nanotechnologie gestritten. Am Ende dieses „Nano-Dialogs“, den der frühere Staatssekretär im Forschungsministerium, Wolf-Michael Catenhusen (SPD), moderierte, gibt es nun Kriterien, diese kleinstmöglichen Teilchen entweder als Problemlöser einzuordnen – etwa bei der Ressourceneinsparung – oder als Problemmacher, wenn sie beispielsweise in der menschlichen Lunge landen. Noch immer aber gibt es keine klare Definition, wie klein ein Teilchen sein muss, um als Nanoteilchen zu gelten – noch steht die Technologie ziemlich am Anfang.

Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) jedenfalls findet, dass sie von „außerordentlicher Bedeutung“ ist. Und den Dialogprozess nennt Röttgen „vorbildlich“. Vermutlich denkt er mit Unbehagen an den Gorleben-Dialog, den sein Ministerium gerade – mit etwa 30-jähriger Verspätung – zu beginnen versucht. So lange nämlich ist das umstrittene Endlagerprojekt für radioaktive Abfälle ohne formale Bürgerbeteiligung ausgekommen, wenn es auch schon einmal Dialogversuche gab.

Aber das sagt Röttgen natürlich nicht. Stattdessen sagt er: „Die Beherrschbarkeit von Risiken ist der Schlüssel zur Akzeptanz einer neuen Technologie.“ Und deshalb müsse es in der Europäischen Union „ein Produktregister für die Behörden geben“.

Was Röttgen nicht erwähnte, war der „Aktionsplan Nanotechnologie 2015“, den das Kabinett vor zwei Wochen schon verabschiedet hat, ohne darin allzu viel von den Erkenntnissen des Nano-Dialogs aufzunehmen. Dass die ganze Regierung für ein Produktregister wäre, ist dem Beschluss übrigens auch nicht zu entnehmen, der sich vor allem mit der Förderung der Nanotechnologie, zumindest aber auch mit der Risikoforschung beschäftigt. Vermutlich liegt das daran, dass das Umweltministerium den Nano-Dialog, das Forschungsministerium aber den Aktionsplan vorbereitet hat. Was wiederum Fragen nach dem Zweck von „Dialogforen“ aufwirft.

Da sich Röttgen bei „außerordentlich wichtigen“ Themen selten mit der Sache selbst zufrieden gibt, gab er den rund 200 Fachleuten am Mittwoch eine Kostprobe seiner Überlegungen zur Zukunft des deutschen Wohlstandsmodells. Geradezu „verantwortungslos“, sei es, vom „Ende des Wachstums“ zu sprechen. Er könne sich nicht vorstellen, wie die Solidarität eines Sozialsystems ohne Wachstum erhalten werden solle. „Aber auch der alte Wachstumsbegriff hat keine Zukunft.“ Ein „neuer Wachstumsbegriff“ sei nötig. Wachstum, mehr Wohlstand und trotzdem weniger Ressourcenverbrauch? Wie das geht, ließ Röttgen offen.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben