Ortstermin : Merkel und die organisierte Nächstenliebe

Fast eine Stunde referierte Angela Merkel über ihr Verständnis vom christlichen Menschenbild. Wie die Kanzlerin in der Katholischen Akademie um eine Antwort gebracht wurde.

Robert Birnbaum

Berlin – Die Frage, sie hängt regelrecht in der Luft im Saal der Katholischen Akademie zu Berlin. Die Frage, sie liegt auf den Gesichtern der gut 400 Gäste, die zum Vortragsabend mit der Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzenden geladen sind. Die Frage steht am Dienstagabend dick und fett im Raum. Es müsste sie halt nur mal endlich einer stellen.

Angela Merkels Auftritt ist nicht der erste an diesem Ort, der – aber das nur am Rande – als Verhandlungssaal des Spenden-Untersuchungsausschusses für die CDU mit zwiespältigen Erinnerungen besetzt ist. Für Merkel war es aber immer angenehm, ob sie als Jugendministerin hier war, als CDU-Generalsekretärin, als Kanzlerkandidatin. Immer ging es irgendwie um die Frage, wie christlich die Christlich-Demokratische Union noch oder wieder ist. Diesmal ist das Vortragsthema etwas präziser: Wie hält es die Pfarrerstochter als Kanzlerin und Parteivorsitzende mit dem C?

Sie hält es norddeutsch protestantisch, also unterkühlt. Fast eine Stunde referiert Merkel über ihr Verständnis vom christlichen Menschenbild. Zwei grelle Scheinwerfer werfen Schatten in ihr Gesicht, ein scharfer Kontrast zu dem Vortrag, der Schärfe vermeidet. „Ich bin ja nun bekannterweise mehr Physikerin als Ökonomin“, sagt Merkel, als sie über die Wege aus der Krise spricht. Noch mehr ist sie keine Philosophin. Ihr Christentum beschreibt sie als ganz handfestes Gottvertrauen: „Christen können sehr zuversichtlich, sehr optimistisch, sehr fröhlich Dinge angehen, weil sie vertrauen können.“ Ihre Essenz des christlichen Menschenbildes lautet, dass das Ebenbild Gottes „zur Freiheit berufen“ sei.

Was daraus allerdings folgt – schwierig, schwierig! „Die Welt wäre einfach, wenn aus diesem christlichen Menschenbild für alle die gleichen Handlungsanweisungen erwachsen würden“, sagt Merkel. Ihr Bedauern darüber, dass es nicht so ist, hält sich in Grenzen; rechtfertigt doch diese Relativität genau jene Politik, die die Überzeugten immer wieder irritiert. Merkel legt denn auch ein starkes Bekenntnis zu Ehe und Familie ab – betont aber sofort, dass das „Respekt“ für andere Lebensformen nicht ausschließe und auch keine „echte Wahlfreiheit“ für Eltern, wie und wo sie ihre Kinder aufziehen. Applaus kriegt sie an der Stelle erst, als das Stichwort „Betreuungsgeld“ für die daheim erziehenden Mütter fällt.

Dann kommt eine Fragerunde. Die Liste der Fragesteller ist, wie der Akademiedirektor Joachim Hake gleich verrät, in der Akademie „vorher abgesprochen“. Das bekommt ihr nicht. Schon die erste Frage mag aus dem Sermon des Fragestellers kaum hervor; das Publikum wird ungeduldig, und Merkel spottet freundlich: „Ist doch schon fast fertig, die Frage.“ Gut eine Stunde später ist allerlei gesagt zu Glück und Unglück, zu den Problemen einer C-Partei mit Muslimen als Wähler und zum Verhältnis von Sünde und Vergebung. Und das alles wäre sogar ziemlich interessant, läge nicht nach wie vor die andere Frage in der Luft. Direktor Hake hebt schon zum Schlusswort an – da schlägt Merkel selber vor, ein, zwei unbestellte Fragen wären durchaus drin.

Erwartungsvolles Raunen im Publikum. Allein, das Wort verteilt Direktor Hake. Es geht an Brandenburgs Justizministerin Beate Blechinger und den greisen Politikgelehrten Hans Maier. Das Publikum stöhnt auf. Zu Recht. Die Frage wird nicht mehr gestellt. In der Katholischen Akademie zu Berlin kommt der Papst nicht vor. 

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