ORTSTERMIN : Minister-Animateur

Steinbrück und Studenten an der Humboldt-Uni

Verena Friederike Hasel

Peer Steinbrück wird sich gleich heimisch gefühlt haben bei seinem Besuch in der Humboldt-Uni. Am Rednerpult funktionierte das Mikrofon nicht, die Scheinwerfer gingen auch nicht, und so machte der Bundesfinanzminister am Mittwoch im Kinosaal der Berliner Universität das, worin er inzwischen viel Übung hat – zeigen, wie man mit bescheidenen Mitteln haushaltet.

Seinen Gang zur Bühnenmitte mit tragbarem Mikrofon versieht der SPD-Politiker mit einer Bemerkung über die Orientierung gen Mitte. Dass darüber kein Student lacht, ist symptomatisch für die ganze Veranstaltung mit dem Titel „Soziale Kompetenzen und gesellschaftliche Verantwortung und Karrierechancen“. Angekündigt wird sie als „Begegnung von einem Entscheidungsträger von heute mit Entscheidungsträgern von morgen“, doch die Distanz zwischen dem Mann auf der Bühne und dem nur zu einem Drittel besetzten Zuschauerraum ist groß.

Vielleicht liegt es daran, dass die Studenten sitzen und Peer Steinbrück es am liebsten sähe, wenn alle Deutschen kollektiv aufsprängen. Die Bundesrepublik sei kein gemütliches Sofa, da bohre sich einem doch eine Sprungfeder in den Hintern, sagt der Minister und macht die Bewegung, die in so einem Fall durch den Körper geht, mit Elan und viel Armschwung vor. „Man muss über die Interessenlänge seiner eigenen Nase hinausblicken“, sagt er, ruft zu ehrenamtlicher Arbeit und Gemeinsinn auf, steigert sich noch: „Andere haben dafür gezahlt, dass Sie studieren. Denen schulden Sie was.“

Ein wenig wirken diese Appelle in einer Rede, die insgesamt wenig Richtung hat, wie eine pädagogische Belehrung. Sie sind aber vor allem ein Plädoyer in eigener Sache. Hier versucht jemand, die Verantwortung, die er auf seinen Schultern spürt, gleichmäßig im Saal zu verteilen, denn offenbar wiegt sie schwer. „Ich kann keinen Urknall organisieren“, schnappt Steinbrück, als jemand ein einfacheres Steuersystem fordert und redet sich ein wenig in Rage: Es gehe nicht an, dass Politiker unsichtbar sein sollten, wenn es gut laufe, und bei Problemen alles geradebiegen sollten. Vieles von dem, was Peer Steinbrück sagt, ist ein Werben für seine Politik der Kürzungen und Position innerhalb der Partei. Die Agenda 2010, sagt er, sei im Kopf, aber noch nicht im Bauch der SPD angekommen, womit klar sein dürfte, welchen Körperteil er Kurt Beck nicht nur aufgrund dessen umfänglichen Körpers zuweist.

Der Kopf holt an diesem Mittwoch die nicht dort ab, wo sie sind, als er zu ihnen als den künftigen Unternehmern des Landes spricht. Sie sollten sich Max Grundig, Gründer des Elektronikkonzerns, zum Vorbild nehmen, sagt er. Sie sollten, wenn sie eines Tages ihre Firma hätten, für Kinderbetreuung sorgen, damit ihnen die hochqualifizierten jungen Frauen nicht verloren gingen. Als die Studenten dann sprechen, reden sie von ihren Bewerbungsmühen, es erzählt auch eine von den hochqualifizierten jungen Frauen mit Kind. Der Minister gibt sich Mühe, auch über die vereinbarte Zeit hinaus, am Ende bleibt er doch ein Fremder. Verena Friederike Hasel

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