ORTSTERMIN : Nicht neutral, nicht kritiklos

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Für viele jüdische Menschen in Deutschland ist Angela Merkel eine Art Schutzheilige. Am Mittwochabend wurde sie von der Jüdischen Gemeinde Berlin mit dem Heinz-Galinski-Preis ausgezeichnet und von über 500 geladenen Gästen gefeiert. „Sie sind unsere Garantie dafür, dass jüdisches Leben in der Bundesrepublik gedeiht“, sagte der Vorsitzende Gideon Joffe. Den Status hat sich Merkel hart erarbeitet: Die Sicherheit Israels erhob sie zum „Teil der deutschen Staatsraison“, wofür ihr die Opposition vorhielt, sie schränke den außenpolitischen Spielraum Deutschlands ein. Als sie in der Affäre um den Holocaustleugner und Piusbruder Richard Williamson sogar den Papst kritisierte, trübten sich die Beziehungen zum Heiligen Stuhl ein. Im Sommer machte sie im Streit um die Beschneidung klar, dass es ein Verbot mit ihr nicht geben werde – gegen die Hälfte der Deutschen, die genau darauf hofften.

Laudatorin Jutta Limbach, die frühere Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts, bewunderte die Kanzlerin für vieles: für Toleranzverständnis, Empathie, politische Weitsicht, für die Fähigkeit, „zugleich eine vorbildliche Amtsträgerin zu sein und ein Mensch“. Als sie Merkel auch dafür lobte, dass sie für ein selbstbewusstes Christentum eintrete, runzelten einige kurz die Stirn. Aber an diesem Abend konnte nichts die gute Laune stören.

Der Galinski-Preis bedeute ihr „sehr sehr viel“, erwiderte die Kanzlerin – gerade auch weil Heinz Galinski, der am Mittwoch vor 100 Jahren geboren wurde, „konsequent antisemitische und rassistische Vorfälle und Stereotype entlarvte“. Dass Antisemitismus „in weiten Kreisen“ in Deutschland heute Zustimmung bekomme, bestürze sie. Dass es jetzt ein Gesetz brauche, um das religiöse Ritual der Beschneidung zu sichern, sei „traurig“. Religionsfreiheit, religiöse Toleranz sind Merkel merklich Herzensangelegenheiten. Auch auf den Nahost-Konflikt ging sie ein, verteidigte Israels Selbstverteidigungsrecht und betonte: „Wir sind in diesem Konflikt nicht neutral.“ Nur einmal zögerten die Gäste mit Applaus: Als Merkel ihrer Kritik an den Palästinensern anfügte, „genauso wenig“ sei „mit dem israelischen Siedlungsbau gewonnen“. Nein, Merkel lässt sich nicht so leicht vereinnahmen. Die 5000 Euro Preisgeld stiftet sie für das Musicalprojekt "Step by Step" in Haifa, in dem arabische und jüdische Jugendliche singen und tanzen.

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