ORTSTERMIN : Nichts schlimmer als ein religiöser Staat

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Auf dem Ökumenischen Kirchentag in München ging es viel um das Verhältnis von Staat und Religion. Eine der ungewöhnlichsten Paarungen zu diesem Thema konnte man am Samstagabend beobachten: Sabine Leutheusser-Schnarrenberger traf den Großmufti von Syrien.

Die Bundesjustizministerin, die sich in den vergangenen Monaten so schwer tat mit der katholischen Kirche, legt die Vorzüge des säkularen Staates dar, der mit seiner Toleranz und mit Religionsfreiheit viel zum Zusammenhalt der Gesellschaft beitrage. Scheich Ahmad Badr Al-Din Hassoun aus Damaskus, ein gern gesehener Gast im Westen, hört mit mildem Lächeln zu, wiegt den Kopf nach links und nach rechts.

Leutheusser-Schnarrenberger streift auch die Debatten um das Burkaverbot: „Davon halte ich nichts“, sagt sie, „Ich kann mir auch nicht vorstellen, wie das verfassungsrechtlich gehen soll.“ Man würde einen einen Straftatbestand brauchen – aber wofür? Wenn sich eine Frau freiwillig für die Burka entscheide, sei nichts dagegen einzuwenden. Die Justizministerin, eine Unterstützerin von Alice Schwarzer, ließ gleichwohl keinen Zweifel daran, dass es ihr lieber ist, wenn Frauen Gesicht zeigen.

Der Großmufti rückt seinen weißen Turban zurecht, setzt sich aufrecht und hebt zu einer blumigen Predigt über die Liebe Gottes und den Weltfrieden an. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger hört aufmerksam zu, grinst und wiegt den Kopf nach rechts und nach links. Bevor jemand Christ, Jude oder Muslim sei, sei er erst einmal Mensch, sagt der Geistliche. Deshalb sei die Würde des Einzelnen wichtiger als Heiligtümer. Es komme auch nicht darauf an, wie sich jemand kleide. Das Kopftuch der Musliminnen freilich, das sei ein religiöses Gebot, da könne man nicht dran rütteln. Und die Burka? Naja, die sei eher kein Gebot und also verzichtbar. Da nickt die deutsche Bundesjustizministerin wohlwollend.

Dann erklärt der Geistliche, „das Schlimmste auf der Welt“ seien die religiösen Staaten, weil da nicht der Mensch im Mittelpunkt stehe. Leutheusser-Schnarrenberger nickt nun heftig. Die Religion dürfe sich nicht in staatliche Angelegenheiten einmischen – und umgekehrt, sagt der Großmufti. Deshalb sei Europa ein Vorbild. Aber auch Syrien sei ja Gott sei Dank ein säkularer Staat. Leutheusser-Schnarrenberger fragt ihn, warum in der Verfassung Syriens – sie habe sich schon ein bisschen vorbereitet auf das Gespräch – warum denn da stehe, dass der syrische Präsident Muslim sein müsse? Scheich Ahmad Badr Al-Din Hassoun wiegt den Kopf und lächelt. Vor dem Zweiten Weltkrieg habe lange ein Christ Syrien geführt, aber dann seien die Juden in den Nahen Osten gekommen und hätten das Konzept des religiösen Staates mitgebracht. Aber ihm persönlich sei es egal, ob der syrische Präsident Muslim ist: „Hauptsache, er ist gerecht.“

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