Ortstermin : Reichstag ratlos erleuchtet

Corinna Visser über einen merkwürdigen Festakt am Reichstag

Corinna Visser

Es haben sich nur ein paar hundert Schaulustige eingefunden. Sie wirken verloren auf der großen Reichtstagswiese und frieren. Es ist kalt am Freitagabend, dem Vorabend des 60. Geburtstages der Bundesrepublik. Auch die Szene, die sich den ungeladenen Gästen bietet, hat nichts Wärmendes. Dabei soll etwas Schönes gefeiert werden: die neue Illumination des Reichstags.

Die Polizei hat das Gebäude weiträumig abgesperrt. Überall sagen dick gepolsterte Jungs in olivgrünen Overalls den Neugierigen, wo sie nicht langgehen dürfen. Immerhin haben die Polizisten keine Helme auf, nur schwarze Kappen. Drei Ringe umschließen den Reichstag, der äußerste Ring ist mit Absperrgittern gesichert. Dahinter, auf der freien Rasenfläche, patroullieren Sicherheitsleute mit Schäferhunden. „Das ist ja wie früher, als die Mauer noch stand“, witzelt ein Zaungast. Damals allerdings wurde auf der anderen Seite patroulliert.

Innen steht ein zweiter Zaun. Er umschließt die geladenen Gäste. Die prominentesten unter ihnen, die Vip-Vips sozusagen, dürfen sich im innersten Zirkel aufhalten, der wiederum durch eine Kordel abgetrennt ist. Auf der Bühne steht Bundestagspräsident Norbert Lammert. Er wolle keine Rede halten, sagt er, redet aber doch. Von den 60 wohl besten Jahren, die Deutschland erlebt hat. Lautsprecher tragen seine Worte über die Wiese zu den frierenden Zaungästen. „Wir machen hier heute Abend nicht Reichstag in Flammen“, sagt der Bundestagspräsident. Zwei Schrecksekunden dauert es, dann geht ein Raunen durch die Umstehenden. Was für eine unpassende Bemerkung an diesem historischen Ort, empören sich einige. Kopfschütteln überall.

Der Hamburger Lichtkünstler Michael Batz hat das Lichtkonzept entworfen. Das Projekt geht auf eine Gemeinschaftsinitiative der Stiftung Lebendige Stadt, der Stiftung Zukunft Berlin und der Sparkassen-Finanzgruppe zurück. Dass die Sparkassen zu den Sponsoren gehören, entgeht an diesem Abend niemandem. Der Moderator erwähnt es fortlaufend. Am Rande sagt er noch, dass die neuen ernergiesparenden Lampen von der niederländischen Firma Philips kommen. Der Moderator drängt zur Eile. Lammert müsse pünktlich zu den Tagesthemen.

Dann erstrahlt der Reichstag im bunten Licht der Feuerwerkskörper. Zauberhaft! Viel zu schnell ist das Spektakel vorbei. Nachdem die letzte Rakete verloschen ist, sehen die Zaungäste einfach nur: warm erleuchtete Fenster. Die neue Illumination ist auch optisch sparsam. Ratlosigkeit macht sich im Publikum breit. Die herrscht wohl auch ganz vorn. „Ja, Herr Batz, wo sind denn jetzt ihre Lampen?“, fragt der Moderator.

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