ORTSTERMIN : Reiseziel Revolution

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In der Regel reißt sich die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) nicht um Tourismusminister. Doch wenn ein Mitglied der erst am Montag umgebildeten ägyptischen Übergangsregierung, welcher auch noch der bisher oppositionellen Wafd-Partei angehört, in der Stadt weilt, ist das Interesse in außenpolitischen Kreisen groß. Und so kam Mounir Fahri Abd-al-Nur fast direkt vom Flughafen zur DGAP, bevor er sich auf der Internationalen Tourismus-Börse (ITB) seiner Hauptaufgabe widmet, die Deutschen wieder scharenweise in das Urlaubsland am Nil zu locken.

Der alerte Generalsekretär der liberalen Wafd-Partei gibt sich nicht nur im Hinblick auf den Tourismus optimistisch: „Ägypten hat durch seine Revolution die Sympathien der Welt gewonnen, dies ist ein zusätzlicher Grund, Ägypten zu besuchen“, ist für den 56-jährigen koptischen Banker und Unternehmer klar, der seit 2000 als Abgeordneter im Parlament saß. Ebenso optimistisch ist al Nur, was die Rolle der Armee angeht. Er habe nach mehreren Treffen mit den Militärs keinen Zweifel, dass die Armee „die Tage zählt, bis sie die politische Macht wieder an Zivilisten übergeben kann“. Auch glaubt er, das die Armee, die seit 1952 die Basis des Regimes war, unter dem anhaltenden Druck der Straße seine zahlreichen politischen und wirtschaftlichen Privilegien abgeben wird. „Die Soft-Power der Menschen ist stärker als Kanonen.“

Allerdings hört die Militärführung nicht immer auf die Demokratieaktivisten, beispielsweise wenn es um den Fahrplan geht, der Parlaments- und Präsidentschaftswahlen schon im Sommer vorsieht. Damit bleibt politischen Kräften wenig Zeit, sich zu organisieren und ihre Programme vorzustellen. „Ich persönlich fände es besser, wenn wir uns ein Jahr Zeit ließen“, meint al Nur. An eine Wiederauferstehung der Ex-Regierungspartei NDP glaubt er jedoch nicht. „Die könnte nur ein Jesus Christus wiederbeleben.“ Aber auch im Hinblick auf die liberalen Kräfte ist er weniger zuversichtlich: Es hänge von der „Führungskraft“ der Wafd-Partei ab, ob sie liberale Strömungen bündeln könne. Die ehrwürdige Wafd ist zwar die älteste säkulare Partei Ägyptens, die in der Unabhängigkeitsbewegung eine treibende Kraft war, aber ihr Einfluss auf die Gesellschaft hat ein Analyst vergangenes Jahr als „semi-nichtvorhanden“ beschrieben. 2006 machte die Partei Schlagzeilen, weil ihr gestürzter Vorsitzender wild um sich schießend in die Parteizentrale eindrang.

Als schnelle Antworten auf die drängenden sozialen Probleme erwartet al Nur eine Anhebung des Mindestlohns und die Schaffung freier Gewerkschaften. Mikrokredite nach dem Beispiel von Bangladesch schweben ihm vor. Bezahlt werden könnte dies aus den „gestohlenen Milliarden“ und den Zusatzeinnahmen, wenn das ägyptische Erdgas an Jordanien und Israel zum Marktpreis verkauft werde. Am Dienstag hatte Ägypten Jordanien die Wiederaufnahme der Gaslieferungen zu einem höheren Preis angeboten. Als der Minister dann auch noch die Zukunft des Nobelpreisträgers Mohammed el Baradei vorhersagen soll, muss er passen. „Der Wechsel kam so schnell, dass Vorhersagen allgemein sehr schwierig sind.“

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