Ortstermin : Revolution und Resignation

Matthias Schlegel über eine Diskussionsrunde am Brandenburger Tor zum Umbruch in der DDR, zu bürgerbewegten Hoffnungen und dem Ertrag der Einheit.

Matthias Schlegel

Treffen sich in den 80er Jahren ein DDR-Bürger und ein Bundesbürger. Der Ostdeutsche sagt: Wir schauen nur nach dem Westen. Der Westdeutsche: Wir auch.

Das Bonmot von Moderator Ulrich Mählert von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur stößt in der gemischten Ost-West-Runde am Donnerstagabend im Allianz-Stiftungsforum am Brandenburger Tor keineswegs auf Widerspruch. Im Gegenteil: Die Bürgerrechtlerin und Mitbegründerin des Neuen Forums Bärbel Bohley, Anfang 1988 nach ihrer Verhaftung am Rande der Liebknecht- Luxemburg-Demo abgeschoben, hatte im Westen eine ernüchternde Erfahrung gemacht: Für die Vorgänge in der DDR interessierte sich kaum jemand. Sie habe gespürt, „dass wir die Veränderungen ganz alleine machen mussten“.

Auf dem Podium bei der 6. Zeitgeschichtlichen Sommernacht, die die Stiftung Aufarbeitung gemeinsam mit dem Deutschen Taschenbuch-Verlag organisiert hat, erinnert sich auch Thilo Sarrazin, der 1989 Leiter des Referats innerdeutsche Beziehungen im Finanzministerium war, der damaligen Ratlosigkeit. Als die Mauer fiel, habe er nächtelang gegrübelt, wie mit dieser Situation umzugehen sei, sagt der langjährige Berliner Finanzsenator und heutige Bundesbankvorstand. Die Erkenntnis, dass das System bei offener Grenze zum Scheitern verurteilt gewesen sei, habe ihn zu der Überlegung veranlasst: Wir führen dort die D-Mark und einige Eckpunkte der Marktwirtschaft ein. Dies sei eine „absolute Minderheitenmeinung“ gewesen. Die staatliche Vereinigung war noch gar nicht Teil des Plans.

Mit seinem Chef, dem damaligen Staatssekretär Horst Köhler, saß Sarrazin dann Anfang 1990 in der Expertenkommission mit den Ost-Bankern. Die brachten den Westdeutschen zwei Tabellen mit: eine mit der internen Verschuldung und eine mit der Außenverschuldung. Sarrazin: „Auf der Rückfahrt sagte ich zu Köhler: Das war jetzt der Moment der Übergabe.“

Zu diesem Zeitpunkt waren die großen Siege der Bürgerbewegten schon vorbei. Der Historiker Klaus-Dietmar Henke, der den an diesem Abend vorgestellten Band „Revolution und Vereinigung 1989/90“ herausgegeben hat, spricht von fünf bis sechs Wochen, in denen die Bürgerbewegungen richtig wichtig gewesen seien. Damit will er deren Bedeutung keineswegs schmälern: Sie hätten den Protest auf die Straße gebracht. Als die Mauer fiel, sei der Durchbruch zur Demokratie in der DDR durch diesen Druck von der Straße bereits erreicht gewesen.

Bärbel Bohley bedauert freilich heute immer noch, „dass der Schritt zur Selbstständigkeit zu kurz war“. Die Menschen in der DDR wären „selbstbewusster in die Wiedervereinigung“ gegangen, wenn mehr Zeit gewesen wäre, glaubt sie. Es tue ihr leid, dass von den damals aktiven Leuten so wenige in der Politik zu sehen seien.

Den neben ihr sitzenden Joachim Gauck bringen solche Worte in Rage. Er fühlt sich an Stefan Heym und andere erinnert, die die Wiedervereinigung auf den Drang der Ostdeutschen nach Westgeld und Westwaren reduzierten. „Das kann ich nicht ertragen“, sagt der einstige Rostocker Pfarrer und spätere erste Chef der Stasiunterlagenbehörde und listet den Ertrag der deutschen Einheit auf. Um dann doch versöhnend nachzuschieben: Auch er habe sich „die Werkstatt Demokratie“ für einen längeren Zeitraum gewünscht. Aber als die westlichen Berater gekommen seien, seien aus den Siegern wieder Lehrlinge geworden.

Christoph Bergner hat es als einstiger Lehrling weit gebracht. 1989 hatte er als Mitglied der Ost-CDU den Aufruf des Neuen Forums mitunterzeichnet. Doch schon Mitte Dezember habe er „die Grenzen der Bürgerbewegung erkannt“, als eine Versammlung in seiner Heimatstadt Halle „chaotisch“ verlaufen sei. Der Anspruch, für alle sprechen zu wollen, sei eben „mit dem Wesen der Pluralität nicht vereinbar“. Das habe ihm die Notwendigkeit der Parteien für die politische Willensbildung deutlich gemacht. In der CDU machte Bergner Karriere. 1994 wurde er Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt. Heute ist er Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesinnenministerium.

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