ORTSTERMIN : Staatsmann warnt Lehrmeister

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Davos - Er ist einen Tag später gekommen. Er reist gleich wieder ab. Die schwarze Krawatte zum dunklen Anzug kündet von der Trauer über die Toten von Domodedowo. Aber Russlands Präsident Dmitri Medwedew hat es sich nicht nehmen lassen, die Eröffnungsrede des Weltwirtschaftsforums in Davos zu halten. Das Selbstmordattentat am Moskauer Flughafen habe dies zwar verhindern sollen. „Aus diesem Grund wurden Ort und Zeitpunkt des Anschlags gewählt. Aber die Terroristen haben sich verrechnet“, sagt er. „Russland ist sich seiner Verantwortung bewusst.“

Ob nordkaukasische Separatisten, wenn sie es denn waren, wirklich diesen Auftritt in der Kongresshalle von Davos im Sinn hatten? Man wird es vielleicht nie wissen. Aber Medwedews Botschaft ist eindeutig: Terrorismus sei „die gefährlichste Bedrohung für die gesamte Menschheit“ und müsse global bekämpft werden. Leider werde Russland gelegentlich eines Mangels an Demokratie bezichtigt, und darauf habe er nur eine Antwort: „Wir sind heute so, wie wir eben sind.“

Terrorismusbekämpfung vor Demokratie – diese Priorität setzt Medwedew in Davos. Man sei offen für freundschaftliche Ratschläge, und die Gesellschaft entwickle sich ja auch: „Bei uns entstehen in der Tat Veränderungen.“ Korruption werde offensiv bekämpft, damit stiegen Lebensqualität und Investitionssicherheit. Aber eines sei doch auch klar: „Natürlich brauchen wir keine Lehrmeister.“ Die Demokratie werde sich gemeinsam mit der Wirtschaft fortentwickeln.

Das Publikum scheint ihm zu folgen, der Applaus der Manager und Politiker aus aller Welt ist mehr als höflich. Forumsgründer Klaus Schwab erinnert freundlich daran, dass er Medwedew bei dessen Auftritt vier Jahre zuvor „einen kommenden Staatsmann“ genannt habe, der nun als „wirklicher Staatsmann“ zurückgekehrt sei. Medwedew nickt und lächelt – der Empfang, der mit einer Schweigeminute für die Opfer von Domodedowo begann, ist nach Maß. Der Präsident sinniert über die „Fragilität der menschlichen Macht“, die sich in der Rekordhitze in Russland im vergangenen Sommer ebenso gezeigt habe wie in der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko oder dem Vulkanausbruch auf Island. Für solche Probleme und vieles andere brauche es mehr internationale Zusammenarbeit, eine neue Welt gar. Die G 20 seien gut, aber er könne sich ein neues weltpolitisches Format vorstellen: BRIC plus S, also BRICS – Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika. Ein verklausulierter Machtanspruch, aber nicht zu überhören. Für die USA hat Medwedew nur eine Bemerkung übrig, hart an der Grenze zum Spott: Wenn Staaten zu hohe Schulden hätten, müssten sie eben ihre Ausgaben zurückfahren. Insofern sei es zu begrüßen, wenn US-Präsident Barack Obama einen Großteil der Ausgaben für fünf Jahre einfrieren wolle. „Das ist eine wirklich ermutigende Maßnahme“, sagt der Staatsmann aus Russland.

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