ORTSTERMIN : Strauß strahlt Stoiber ehrt sein Idol

Rainer Woratschka

Berlin - Nein, einen bloßen Ministerpräsidenten haben sie in der bayerischen Landesvertretung nicht gefeiert. Genauso wenig den einstmaligen Chef einer Regionalpartei mit, zugegeben, bundesweiter Ausstrahlung. Man hat erinnert an einen Weltstaatsmann, einen barocken Fürsten, einen Propheten, das zutiefst verehrte Idol einer ganzen Parteigeneration, einen außerordentlichen, faszinierenden, identitätsstiftenden, unvorstellbar robusten und gleichzeitig hochsensiblen Ausnahmemenschen. Und am Ende hatte Festredner Edmund Stoiber und auch mancher seiner Zuhörer Wasser in den Augen.

Von Bayern war dabei kaum und von den zahllosen Affären des Gefeierten gar nicht die Rede. Vor 20 Jahren starb Franz Josef Strauß. Die Hanns-Seidel-Stiftung ehrt ihn nun per Wanderausstellung, zur Eröffnung gibt es Erinnerung und Lobpreis satt. Zwei seiner Kinder sind gekommen, Franz-Georg und Monika, verheiratete Hohlmeier. Vom dritten, dem juristisch angeschlagenen Sohn Max, ist nichts zu sehen, er wird auch nicht erwähnt. Dafür ist Straußens einstiger „Spin Doctor“ Wilfried Scharnagl da, dazu Ex-Minister Otto Wiesheu. Und der für Bundesangelegenheiten zuständige Markus Söder natürlich, der den Gastgeber spielen und auch ein wenig von seinem Jugendidol schwärmen darf.

Und Stoiber als Laudator. Der sich entschuldigt, weil es, um seinen Lehrmeister zu würdigen, „mindestens zwei bis drei Stunden“ bedurft hätte und nicht der lächerlichen ihm zugestandenen 30 Minuten. Und der später auch die Gelegenheit nutzt, um im Sinne des früheren Atomministers Strauß für Kernenergie zu trommeln. Er könne sich gut vorstellen, sagt er, wie dieser „die Verlogenheit geißeln würde“, mit der man einerseits funktionstüchtige Kraftwerke abstellen wolle und andererseits bereit sei, Atomstrom aus dem Ausland zu beziehen.

Ansonsten liefert Stoiber die bekannten Höhepunkte des Politikerlebens, gewürzt mit Anekdoten. Wie er als Strauß- Intimus „minutiös“ dessen „berühmt-berüchtigte Wanderungen“ mit Kohl nachzuprotokollieren hatte. Wie er beim Landeanflug auf Gorbatschows Moskau ob der Flugkünste des Piloten Strauß in „außerordentliche Sorge“ verfiel. Das lange Zaudern und die nächtliche Festlegung auf die Kanzlerkandidatur 1980. Warum sich Strauß („Alle Ähnlichkeiten sind rein zufällig“) Kohls Kabinett verweigerte. Und dann – „Tragödie seiner Biografie“ – dass Strauß sterben muss, bevor sich sein Lebenstraum, die Wiedervereinigung, erfüllt. Aber immerhin, und auf diese Verneigung der Geschichte vergessen sie hier nicht hinzuweisen: Straußens Todestag, der 3. Oktober, ist nun der Tag der Deutschen Einheit. Rainer Woratschka

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