ORTSTERMIN : Streit mit Streitkräften

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Diese Gelegenheit kommt so schnell nicht wieder. Wann haben Wehrpflichtige schon die Möglichkeit, in aller Öffentlichkeit gehört zu werden, im Angesicht des Verteidigungsministers? Vor dem Standmikrofon im Gang des Konferenzsaals „High Noon“ im Hotel Holiday Inn am Gesundbrunnen hat sich eine Warteschlange gebildet. Die Ober- und Hauptgefreiten wollen dem Chef des Verteidigungsressorts, Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), auf den Zahn fühlen und vom ihm wissen, was wehrpolitisch auf sie zukommt.

Einmal im Jahr kommen rund 50 Rekruten aus der ganzen Republik in der Hauptstadt beim „Parlament der Wehrpflichtigen“ des Deutschen Bundeswehrverbandes zusammen – und dieses Jahr geht es um mehr als in den Jahren davor. Verteidigungsminister Guttenberg hat die Wehrpflicht vor einigen Wochen angesichts klammer Kassen zur Disposition gestellt, es gibt offene Fragen.

René Schwender kommt die Gelegenheit zur Konfrontation wie gerufen. Dem 23-jährigen Obergefreiten aus Thüringen ist die Ausbildungssituation in seinem Jägerregiment in Hessen schon lange ein Dorn im Auge. „Es gibt dort nicht genug freie Truppenübungsplätze und zu wenig Übungsmunition“, moniert er. Er hat den Wehrdienst bei der Bundeswehr freiwillig verlängert und will sich für vier Jahre als Offizier bei den deutschen Streitkräften verpflichten. Wenn es so kommt wie geplant, geht Schwender mit seiner Einheit im Dezember zum Einsatz nach Afghanistan. Dort wird er unter anderem für die Ausbildung der afghanischen Armee und Polizei zuständig sein und außerdem mit seinen Kameraden auf Patrouille gehen. Mithin eine gefährliche Aufgabe, auf die sich der Thüringer zumindest bislang nicht ausreichend vorbereitet fühlt. „Das darf nicht sein“, sagt Schwender, „schließlich will ich heil aus dem Einsatz zurückkommen.“ Guttenberg verspricht, die Ausbildungsmängel umgehend „abzustellen“: „Das ist keinem Soldaten zuzumuten.“

Ein anderer junger Mann mit Bürstenschnitt tritt ans Mikrofon. Schon die gerade beschlossene Verkürzung des Wehrdienstes von neun auf sechs Monate bereite so manchem Kommandeur Kopfzerbrechen, berichtet der Wehrpflichtige. Die Verkürzung tritt am 1. Juli in Kraft. Viele Vorgesetzte hätten keine Ahnung, wie sie die Wehrpflichtverkürzung umsetzen sollten, kritisiert der Wehrdienstleistende. Ein weiterer wirft dem Verteidigungsminister vor, die Wehrpflichtverkürzung sei mit Blick auf das Sparen eine „Milchmädchenrechnung“. „Sie ist teurer als die alte Wehrpflicht, und die Bundeswehr benötigt dafür mehr Ausbilder.“

Auch seinem Kameraden geht es ums Geld – allerdings nicht um das des Staates, sondern um das der Wehrpflichtigen. Er bringt seine Frage nach dem Wehrsold in Zusammenhang mit einem Aspekt, den Guttenberg in einem kurzen Vortrag angesprochen hat: Die Attraktivität des Soldatenberufs. Ob der Minister diesbezüglich über eine Erhöhung des Wehrsoldes nachdenke, will der junge Mann nun wissen. „Mit einem kümmerlichen Sold wird es kaum möglich sein, mit der Wirtschaft im Wettbewerb um Fachkräfte mithalten zu können“, räumt der Minister auf dem Podium ein. „Wir brauchen Anreize, aber all das kostet Geld.“

Einer der Anwesenden fragt sich, wo die Bundeswehr künftig ihr Führungspersonal hernehmen soll, wenn durch die Abschaffung der Wehrpflicht zahlreiche Stellen wegfallen. Der Verteidigungsminister will dem Problem unter anderem durch den verstärkten Einsatz von Reservisten begegnen, etwa wenn es um Heimatschutz oder die soldatische Ausbildung geht. Ein Wehrdienstleistender will wissen, wie der Minister seine Ankündigung, „ohne Härten am Personal zu sparen“, umzusetzen gedenke. „Wir werden betriebsbedingte Kündigungen vermeiden“, antwortet Guttenberg. Der Personalabbau bei der Bundeswehr werde sich innerhalb eines Zeitfensters von sechs bis sieben Jahren vollziehen.

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