ORTSTERMIN : Und sie führt doch

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Die Kanzlerin ist ganz gelassen. Sie habe eben mit Achim Steiner „getuschelt“, gibt sie gut gelaunt bekannt. Mit dem Chef des UN-Umweltprogramms Unep sei sie sich einig, dass das rasante Tempo, in dem Tier- und Pflanzenarten aussterben, ein ebenso großes Problem sei wie der Klimawandel. Angela Merkel steht im Berliner Naturkundemuseum vor einer internationalen Festgemeinde mit Blick auf das Skelett des mehr als 13 Meter hohen Brachiosaurus, eines vor etwa 150 Millionen Jahren ausgestorbenen gigantischen pflanzenfressenden Dinosauriers. Weil Deutschland seit 2008 den Vorsitz der Konvention zur biologischen Vielfalt innehat, darf die Kanzlerin das UN-„Jahr der biologischen Vielfalt“ eröffnen.

Merkel sagt: „Wir brauchen eine Trendwende, jetzt unmittelbar, nicht irgendwann.“ Aber sie sagt auch, dass das Ziel, den Artenverlust bis 2010 zumindest zu halbieren, „nicht erreicht“ werden wird. Das Ziel war 2002 beim Weltgipfel in Johannesburg vereinbart worden. Doch der Artenverlust sei um den Faktor 100 bis 1000 höher als ohne menschliche Einflüsse, sagt Merkel. Und das „hat Folgen für uns alle“. Merkel fügt hinzu: „Der Ressourcenverbrauch muss sich an der Kapazität der Ökosysteme orientieren.“ Zuvor hat Umweltminister Norbert Röttgen gesagt: „Naturschutz ist kein Luxusthema, es geht um die Existenz.“ Wenn die beiden das ernst meinen, wäre das die Ankündigung einer politischen Revolution.

Das Wort Führungsstärke nimmt Merkel nicht in den Mund. Muss sie auch nicht. Denn im Gegensatz zu ihren Parteifreunden und Koalitionspartnern wird ihr diese Eigenschaft am Montag von aller Welt mehrfach attestiert. Achim Steiner hat bei der Kanzlerin „nicht nur Visionen, sondern auch sehr viele Initiativen, nicht nur Worte, sondern auch Taten“ registriert. Er dankt ihr ausdrücklich für ihre „Führungsrolle“ beim Erhalt der biologischen Vielfalt. Ein Ball, den der Umweltminister Jemens, Abdulrahman Fadhl Al Iryani, aufnimmt. Jemen sitzt 2010 der Gruppe der Entwicklungsländer (G 77 und China) vor. Er lobt Merkels „persönlichen Einsatz“ auch für den Klimaschutz. Norbert Röttgen, der seine Rolle als Moderator nutzte, um jeden Redner zu interpretieren, hatte Merkels inhaltliche Festlegungen noch einmal wiederholt. Als hätte er Bedenken, dass Merkels zurückgenommener Auftritt womöglich in seiner Bedeutung unterschätzt werden könnte.

Die deutsche Innenpolitik, das Gezänk zwischen den Koalitionspartnern, der vielfache Ruf nach Führung durch die Kanzlerin in ihrer eigenen Partei spielte im Naturkundemuseum keine Rolle. Warum auch? Doch wer wollte, konnte einige Sätze der Kanzlerin schon innenpolitisch interpretieren. Zum Beispiel den über „Ehrfurcht vor der Natur“ – Ehrfurcht müsse es auch zwischen den Menschen geben. Oder der Merkel-Satz, der schon viele Reden beendet hat: „Es gibt genügend zu tun, aber wir können das schaffen.“ Klare Kante zeigte Merkel dagegen in einer europapolitischen Frage: Die Art und Weise, wie europäische Fischfangflotten, das Meer vor Westafrika leerfischten, das sei „brutale Gewalt“. Damit müsse sich Europa „selbstkritisch“ auseinandersetzen, auch wenn das „sehr schwierig“ sei. Klare Worte sagt sie auch über den Kopenhagener Klimagipfel. Das sei „schon hart“ gewesen. Aber es gebe keine Alternative zum UN-Verhandlungsprozess, und „wir machen weiter“.

Jedenfalls solle es beim Artensterben nicht mehr so laufen wie mit dem magenbrütenden australischen Frosch, meinte Merkel. Forscher hatten bei diesem Tier eine Substanz entdeckt, die womöglich zu einer Arznei gegen Magengeschwüre hätte führen können. Noch während der Studien dazu starben die letzten magenbrütenden Froscharten aus. Auch sie, meinte Merkel, habe zu spät von seiner Existenz erfahren.

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