ORTSTERMIN : „Unsere Demokratie wurde nicht in Athen erfunden“

von

Die Französische Friedrichstadtkirche, das Berliner Gotteshaus für die aus Frankreich geflohenen und in Preußen willkommen geheißenen Hugenotten, ist ein guter Ort, um über Freiheit und Menschenrechte zu sprechen. Über jenes Thema, das den Historiker Heinrich August Winkler seit 20 Jahren unter dem Begriff des großen Projektes des Westens in seiner wissenschaftlichen und publizistischen Arbeit umtreibt. Dort stellte er nun den zweiten Band seiner „Geschichte des Westens“ vor, der sich mit der Zeit zwischen 1914 und 1945 befasst.

Sein Verlag hatte ihm als Gesprächspartner Peer Steinbrück an die Seite gesetzt, jenen nicht ernannten, aber oft genannten Vielleicht-Kanzlerkandidaten der SPD für die Wahlen 2013 – oder auch früher kommende. Steinbrücks Interesse für Geschichte ist notorisch, das politische Denken vor Erfahrungshorizonten hat er mit Helmut Schmidt gemeinsam. Dass die zwei an einem Buchprojekt zu Fragen der Zeitgeschichte arbeiten, ist kein Geheimnis. Ob der lange Weg nach Westen, so der Titel des ersten Werkes von Winkler zum Thema, gefährdet oder gar umkehrbar sei, bewegte beide. Der Historiker erinnerte daran, dass Charles de Gaulle 1944 in einer Rundfunkansprache aus Großbritannien erstmals Deutschland den Vorwurf machte, es habe einen zweiten Dreißigjährigen Krieg ausgelöst, indem es 1914 nichts zur Vereitelung des großen Tötens getan, danach die Etablierung einer Demokratie sabotiert und ohne Not einen Diktator installiert habe, der das Land dann gezielt in den Zweiten Weltkrieg steuerte.

Beide, Steinbrück wie Winkler, treibt, bei allem Grundvertrauen in den demokratischen deutschen Staat, die Sorge vor einem neuerlichen Versagen der Eliten um. Winkler macht deren massive Vorbehalte gegen die parlamentarische Demokratie – aus deren Sicht das System der Sieger – für das Scheitern der Weimarer Republik verantwortlich. Steinbrück zitiert Helmut Schmidts Angst, Deutschland könne wieder „ein unruhiges Land“ werden – die Gefahr sehe er selbst zwar nicht, beklagt aber wenig später die „Anfälligkeit des deutschen Bürgertums für autoritäre Entwicklungen“.

Dass das Europa von heute nicht weniger, sondern mehr Gemeinsamkeit bräuchte, beschwören der Politiker und der Historiker gemeinsam. Für Sätze wie „die Bundesrepublik muss mehr Souveränitätsrechte abgeben“ und „auch wenn Sie es nicht gerne hören, wir müssen uns anstrengen“, bekommen sie den Applaus des großen Publikums. Winkler warnt dann noch, Europa dürfe nicht, wie Italien, „in der Postdemokratie landen“ und schminkt dem vermeintlichen historischen Staatsvorbild, der attischen Demokratie, jede Idealisierung ab. Da sei viel Demagogie gewesen, „unsere Demokratie wurde nicht in Athen erfunden“. Ansonsten gelten Griechenland Solidarität und Mitleid. Das Land habe, aufgrund der osmanischen Herrschaft, alle Emanzipationsprozesse inklusive der Aufklärung nicht mitmachen können, Jahrhunderte lange Misswirtschaft habe Tradition. Steinbrück schließt daraus: Ohne einen klaren Schuldenschnitt wird man das nicht stabilisieren können.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben