ORTSTERMIN : Unter sich

Der ehemalige SPD-Vorsitzende Franz Müntefering stellt ein Buch mit und über Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) vor. Ein Schelm, wer sich dabei nichts denkt.

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Da schau rein. Thomas de Maizière (l.) und Franz Müntefering.
Da schau rein. Thomas de Maizière (l.) und Franz Müntefering.Foto: dpa

„So wie Sie’s gemacht haben“, sagt der wichtige CDU-Politiker und nickt zum immer noch wichtigen SPD-Politiker herüber, „haben Sie die Spekulationen im Keim erstickt.“ Das stimmt, ist aber eigentlich schade. Denn wenn Franz Müntefering ein Buch über und mit Thomas de Maizière vorstellt und die zwei sich dabei unübersehbar mögen, könnte man ja auf Gedanken kommen.

Zumal in dem Buch verdächtige Sätze zu lesen sind. „Bei Groß und Groß geht eben manches besser als bei Groß und Klein“, sagt der heutige Verteidigungsminister zum Beispiel über große und kleine Koalitionen, und dass das wahrscheinlich ein Strukturgesetz sei. Aber Müntefering ist beim Lesen auf einen weiteren Satz gestoßen, der ihm besser gefällt. Regieren über acht Jahre hinaus sei schwierig, zitiert er und schlussfolgert fürsorglich: „Diese Schwierigkeit wollen wir dem Land im Herbst doch ersparen.“

Dabei wäre eine Neuauflage der großen Koalition vielleicht keine gar so schlechte Idee, wenn sie nur von genug Leuten wie den beiden gemacht würde, die sich da am Montag im Pressehaus am Reichstag in freundlicher Hochachtung katzbalgen. Die Achtung rührt aus gemeinsamen Regierungsjahren. Über die Kanzlerin Angela Merkel hat sich der Vizekanzler Müntefering öfter beschwert, weil er sie zu parteipolitisch fand; über ihren Kanzleramtschef de Maizière nie. Wer das Buch liest, in dem der CDU-Mann über 380 Seiten dem „Süddeutsche Zeitung“-Journalisten Stefan Braun im Gespräch Auskunft gibt, weiß danach, warum. Es enthält das gutpreußische Amtsethos eines Mannes, den der Laudator Müntefering einen „Regierungsdiplomingenieur“ nennt.

Tatsächlich war de Maizière fast sein ganzes politisches Leben hindurch der Mann, der im Hintergrund Regierungsmaschinen am Laufen hielt, egal ob sie noch gar nicht existierten wie die erste freie DDR-Regierung unter seinem Vetter Lothar, ob sie knirschten wie in Rostock, lange geölt liefen wie in Dresden oder notgedrungen am großen Rad drehten wie in Berlin. Das Kapitel über die große Koalition in der Finanzkrise ist übrigens ein Glanzstück mit nachträglichem Gruselfaktor geworden, weil de Maizière ganz offen berichtet, wie es kam, dass Merkel und ihr Finanzminister Peer Steinbrück eines Sonntagabends vor dem verdutzten Fernsehpublikum die „Einlagen“ aller Deutschen garantierten, und wieso danach der Regierungssprecher um die Frage herumeiern musste, was diese „Einlagen“ genau sein sollten.

Zentral ist das Kapitel noch aus einem zweiten Grund. „Ich möchte, dass in diesem Land gewählte Politiker entscheiden und das letzte Wort haben, nicht die Wirtschaft, nicht das Geld, nicht der Adel“, sagt de Maizière. „Ich würd’ das gendern“, empfiehlt Müntefering politisch korrekt, freilich leise schmunzelnd. Im Kern, im Primat der Politik sind sich die zwei vollkommen einig. Man könnte, wenn man sie so sieht, also wirklich auf Gedanken kommen.

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