Ortstermin : Verteidigungsminister Jung - bitte nicht stören

Michael Schmidt beobachtet Verteidigungsminister Jung in einem der wichtigeren Momente seiner Amtszeit.

Michael Schmidt

Er lächelt, streicht mit der Linken immer wieder die lindgrüne Krawatte glatt und redet. Nicht von Verstimmungen, Unmut, transatlantischen Auffassungsunterschieden. Nein. Von Erfolgen beim Wiederaufbau Afghanistans, und davon dass die Medien, leider, leider, immer nur über Tote und Anschläge am Hindukusch berichteten und zu wenig über studierende Frauen, über die Millionen Jungs und Mädchen, die nach dem Sturz der Taliban nun zur Schule gehen könnten, über Straßen, die gebaut, Brunnen, die gebohrt, Krankenhäuser, die eingerichtet wurden. Lamentieren tut er nicht. Und mag auch sein Lächeln stets ein wenig verzagt wirken – das täuscht.

Wer erwartet hatte, dass Franz Josef Jung sich an diesem Montagabend beim CDU-Kreisverband Hamburg-Altona als irgendwie zerknirschter Wahlkämpfer zeigen würde, der sah sich getäuscht. Dabei hätte Jung allen Grund dazu gehabt. Nicht nur hat man dem Winzersohn aus Hessen von Anfang an das Format abgesprochen: Der kann es nicht, der lernt es nicht mehr, hieß es sehr schnell nach seinem Amtsantritt – und so ganz ist die Kritik nie verstummt. Er gilt als freundlich und bemüht, Kritiker aber sprechen auch heute noch vom „Minister im Praktikum“. Dem Provinzler, der von Sicherheitspolitik so viel verstehe wie ein Flusspferd vom Hochseefischen. Das schmerzt. Erst Recht einen wie ihn, der sich im eigenen Erleben Expertise angelesen und sich reingefuchst hat.

Jetzt dreschen seit vier Tagen schon EU, Isaf, Nato auf ihn ein. Die halbe Welt, so scheint es, hat sich entschlossen, anders zu bewerten, nämlich als katastrophalen Fehler, was Jung „diese Handlung“ nennt: also den von der Bundeswehr angeforderten US-Luftangriff auf zwei von Taliban gekaperte Lasttankwagen mit zahlreichen Toten. Jung ficht das alles offenbar nicht an. Druck? Was für ein Druck, scheint seine Körperhaltung zu fragen, wenn er lässig von einem Bein aufs andere wechselt, die Hände locker auf dem Pult abgelegt. Was sein Auftritt an diesem Abend unbeabsichtigt bestätigt: Der promovierte Jurist, ein Freund rhetorischer Versatzstücke, der mit einer Handvoll kaum angreifbarer Sätze auskommt, verwaltet, bieder und unprätentiös, die deutsche Sicherheitspolitik. Selbst in jenem leicht tumultösen Moment, als ein Sympathisant der Linken die CDU-Veranstaltung in Hamburg-Altona stürmt, „Raus aus Afghanistan“ und „Friede jetzt“ brüllt, scheint sich des Ministers Betriebstemperatur kaum zu ändern. „Das zeigt, was man von der Linken zu halten hat“, sagt Jung kühl und fährt fort in seinem Vortrag.

Jungs Gleichmut ist unerschütterlich. Leidenschaft, auch wenn es nur die fürs Amt sein mag, sieht anders aus.

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